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Dinge mit Geschichte(n) #1 – Das bronzezeitliche Rasiermesser von Dresden-Neustadt

Rasiermesser_klein

Das bronzezeitliche Rasiermesser von Dresden-Neustadt wurde bereits 1879 beim Bau des Neustädter Bahnhofs in Dresden gefunden. Es datiert in die Frühe Urnenfelderzeit (Bz D) zwischen 1300 – 1200 v. Chr. 

 

Manch eine Geschichte hat einen langen Bart, aber Bärte haben eine noch viel längere Geschichte

Seit den Nuller-Jahren erlebt die Gesichtsbehaarung bei Männern wieder Konjunktur. Sowohl der ländliche Hillibilly-Vollbart als auch der einst als Stilsünde verschriene Schnauzbart erfreuen sich zurzeit größter Beliebtheit. Dabei ist es weniger das virile Oberlippendickicht eines Tom Selleck alias Magnum, das eine Renaissance erlebt,

als vielmehr die gezwirbelte Variante der als Moustache (engl.) oder Mustage (franz.) bezeichneten Hercule Poirot-Bartlinie. Als Hipster-Insigne ist sie zum Accessoire geworden  und ziert nicht nur als Barttoupet die Gesichter jeden Geschlechts, sondern auch allerhand Dinge wie Kaffeetassen, Shirts, Stoffbeutel und Kissenbezüge. Dass aber nun Bartmoden keine Erfindung der Gegenwart sind, ist tatsächlich eine Geschichte mit einem langen Bart. Den Bart von Barbarossa kennt jedes Kind und Marx mag man sich ohne seinen „Demokratenbart“ gar nicht vorstellen wollen. Dass die Wikinger allerdings urwaldartiges Gestrüpp am Kinn getragen hätten, ist ebenso an den Barthaaren herbeigezogen wie der Mythos, der Bart würde nach einer Rasur schneller wachsen.

 

Die Kulturgeschichte des Bartes bzw. der Bartmode ist uns weitgehend vertraut. Von griechischen und römischen Portraits wissen wir, in welchen Perioden der Antike es angebracht war, seine Gesichtshaare gepflegt zur Schau zu stellen und wann man sich lieber rasierte. Während beispielsweise im julisch-claudischen Zeitalter der römischen Kaiserzeit (27 v. Chr. – 68. n. Chr.) das Ideal unvergänglicher, reiner und vor allem glatter Schönheit Maßstab der Körperbildästhetik war, führte der Kaiser Hadrian im 2. Jh. erneut den Bart als sichtbares Zeichen für Bildung und Weisheit ein. Vorbild für Hadrian waren ganz eindeutig die Bärte der griechischen Philosophen. Aber nicht nur Sokrates (5. Jh. v. Chr.), Aristoteles und Platon (beide 4. Jh. v. Chr.) schworen auf und beim Barte. Im antiken Griechenland war der Bart bei Herrschern und Bürgern vielmehr gleichermaßen beliebt. Erst nachdem Alexander der Große im 4. Jh. v. Chr. per Gesetz die Bartschur für glatte Gesichter verordnete, überließ man die Bartmode den Barbaren aus dem Osten (Perser) und dem Westen (Kelten). Letztere trugen mitunter stattliche Schnautzer wie der Kalksteinkopf aus Mšecké-Žehrovice (Böhmen, CZ) aus dem 3.-2. Jh. v. Chr. belegt. Verbreitet war zudem der Dreiecksbart, der die Oberlippe und das Kinn bedeckte, so zumindest dargestellt bei der Statue vom Glauberg. Aber nicht nur diese bekannten Abbilder zeigen, dass sich gründlich und auch kunstvoll zu rasieren schon vor Jahrtausenden keine haarige Angelegenheit mehr war.

 

Bereits aus der Bronzezeit (2300 – 800 v. Chr.) sind Messer bekannt, deren Schneide mal mehr mal weniger gewölbt ist, und die wohl hauptsächlich als Rasiermesser verwendet worden sind. Ein sehr schönes Beispiel für diese Art Messer ist das Rasiermesser mit Pferdekopf aus der Zeit von 1300 – 1200 v. Chr., das in Dresden-Neustadt gefunden worden ist und das wir im smac ausstellen. Nicht nur der Kopf, sondern auch die geschwungene Klinge, d. h. also das gesamt Objekt symbolisiert ein Pferd. Die Zeichenhaftigkeit selbst von scheinbar alltäglichen und praktischen Dingen ist dabei nichts Außergewöhnliches für jene und andere Zeiten. Welche konkreten Aussagen damit verbunden waren, können wir freilich nicht mehr bestimmen, zumal das Stück aus Dresden-Neustadt ein Einzelfund ist. Aus antiken Schriftquellen und ethnographisch belegt ist allerdings der Einsatz von Rasiermessern bei rituellen Praktiken, sei es bei Übergangsriten vom Jugend- zum Erwachsenenalter oder sei es bei Opferhandlungen im Rahmen von Totenritualen. Hierfür spricht gleichermaßen die in der Bronze- und Eisenzeit weit verbreitete Sitte, Rasiermesser in einem Depot niederzulegen oder Verstorbenen mit ins Grab zu geben.

 

Rasiermesser Pferd

Ein ähnliches Rasiermesser zum Fund von Dresden-Neustadt stammt aus der Dresdner Heide. Die symbolische Darstellung eines Pferdes ist hier wesentlich deutlicher erkennbar. Auch dieses Stück datiert in die Zeit um 1300 v. Chr. und ist Teil der Beigaben einer Bestattung der Lausitzer Kultur.

 

Zahlreiche Versuche experimentierfreudiger Bartträger belegen, dass diese frühen Rasiermesser nicht nur tatsächlich praktikabel waren, sondern dass man sich damit sowohl das Bart- als auch das Haupthaar schneiden konnte. Da aber zumindest für die Bronzezeit keine Spiegel nachgewiesen sind, ist anzunehmen, dass man sich den Wildwuchs stutzen ließ. Welche Bartform man(n) in der Bronze- und in den noch älteren Steinzeiten trug,  wissen wir nicht. Vorstellbar ist darüber hinaus, dass bereits der Neandertaler dem haarigen Wildwuchs eine Form gab. So illustriert es zumindest unsere Sammlung von Neandertalerdarstellungen aus den letzten 150 Jahren.

 

Bärte_klein

Unser Bild von den Neandertalern – mit oder ohne Bart – unterliegt dem Wissensstand einerseits und dem Zeitgeist andererseits. Die verschiedenen Neandertalerporträts in unserer Laborvitrine zeigen, wie sich unsere Vorstellungen von den Neandertalern im Verlauf der letzten 150 Jahre gewandelt haben.

 

In unserer Ausstellung gibt es aber noch weitaus mehr Bärte zu sehen, mehr sogar als der erste Blick vermuten lässt. Wer bei seinem nächsten smac-Besuch die Muße hat, diese zu zählen, gebe uns bitte Bescheid; es winken zwei Freikarten.

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