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Bußen und Beten – Männer

Der Mensch neigt scheinbar dazu, seine Verantwortung und Geschicke für die Zukunft abzugeben. Beliebter Adressat ist Gott, oder wie im Fall der Römischen Religion DIE Götter. Stehen Not- und Krisenzeiten vor der Tür, sind Gebete und Bußpraktiken beliebte Mittel, um eine ausweglose Gefahrensituation vielleicht doch noch abzuwenden, im Kleinen wie im Großen.

Insbesondere die großen Katastrophen verlangen natürlich nach gemeinschaftlichem Handeln. So hatte die evangelische Kirche 1532 in Strasbourg einen allgemeinen Buß- und Bettag ausgerufen, als nach der Eroberung der byzantinischen Metropole Konstantinopel das Osmanische Reich für das Christliche Abendland zum allgemeinen Schreckgespenst wurde. Bis in das 17. Jahrhundert hielt diese Furcht an, bis osmanische Truppen die Belagerung Wiens 1683 aufgeben mussten und das heilige Bündnis zwischen Kirchenstaat, Venedig, Russland, Habsburg-Österreich und Polen-Litauen im „Großen Türkenkrieg“ (1683-1699) als Sieger hervorgingen. Aus der Furcht vor dem Islam wurde im Diskurs der Aufklärung schließlich eine exotische Orientbegeisterung.

Inwieweit diese Entwicklung auf die zahlreichen Buß- und Bettage des 16. und 17. Jahrhunderts zurückzuführen ist, sei mal dahingestellt. Empirisch zu belegen ist lediglich, dass der Glaube an religiöse Kräfte heute nicht mehr besonders stark ausgeprägt ist. Gab es bis 1878 noch 47 Bußtage an 24 verschiedenen Terminen, wurde 1892 der elfte Tag vor dem ersten Adventssonntag zum staatlichen Buß- und Bettag ausgerufen. Knapp 40 Jahre später wurde der Feiertag zumindest faktisch wieder abgeschafft, da er auf einen arbeitsfreien Sonntag gelegt wurde. Das Revival als gesetzlicher Feiertag nach dem Zweiten Weltkrieg hielt schließlich noch einmal bis 1995. Danach musste der Buß- und Bettag der neu eingeführten, durch Mehrarbeit auszugleichenden Pflegeversicherung weichen. Nur in Sachsen erkannte man vielleicht die Not. Anstatt den Feiertag zu streichen, finanzieren die Arbeitnehmer mit einem Abschlag von 0,5% die Pflegeversicherung.

Interessant an der Geschichte ist nun, dass sich inzwischen ein anderer Gedenktag an den Platz des Buß- und Bettages geschoben hat. Seit 1999 wird am 19. November der Internationale Männertag begangen. Im Fokus stehen Themen wie Männer- und Jungengesundheit, das Ungleichgewicht des Geschlechterverhältnisses, die Förderung von Männern in sozialen Bereichen in Gemeinden, Familien und bei der Kinderbetreuung etc. Außerdem werden männliche Vorbilder gewürdigt und hervorgehoben, gelegentlich auch durch Statuen.

 

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Der „Adonis von Zschernitz“ datiert um 5200 v. Chr. und ist die älteste männliche Statuette Mitteleuropas. 

 

Aus welchem Anlass vor über 7000 Jahren die kleine männliche Figur geschaffen worden war, die 2003 bei Ausgrabungen in Zschernitz, Nordsachsen gefunden wurde, wissen wir nicht. Sie ist aber schon deswegen etwas besonderes, weil sie die einzige männliche Figur unter zahlreichen Frauenstatuetten dieser Zeit ist. Überhaupt ist die ehemals 25 Zentimeter große Plastik, die um 5200 v. Chr. datiert, die älteste männliche Tonfigur Mitteleuropas. Ungewöhnlich ist darüber hinaus die anatomische Genauigkeit, sowohl des männlichen Geschlechts als auch der Anatomie der erhalten gebliebenen Bein- und Gesäßpartie. An Dynamik gewinnt die Figur durch die leicht nach vorn gebeugte Hüfte.

An der Datierung des Fundes bestehen keine Zweifel. Der Befund, eine Siedlungsgrube, war ungestört. Die weiteren Funde aus der Grube, vor allem Scherben, weisen die typischen Formen und Muster der jüngeren Linienbandkeramik auf. Aber auch die Verzierungen auf dem Gesäß der Statuette selbst sind in der Manier der Bandkeramik in Form von zwei Reihen hängender Dreiecke und verweisen in die Zeit der frühen Bauern. Fraglich ist hingegen, ob die Verzierung eine Tätowierung andeutet oder ob sie auf einen bestimmten Kleidungsstil hinweist. Diese Fragen und die Frage nach der Rolle und Stellung des Mannes in der jungsteinzeitlichen Gesellschaft sind spannend, müssen aber notgedrungen spekulativ bleiben. Dass Männer generell zahlreiche Rollen einnehmen können und auch vertreten, wissen wir heute. Und vielleicht hat die von Steven Pinker vertretene These, dass „die Gewalt […] über lange Zeiträume immer weiter zurückgegangen [sei], und dass wir heute „in der friedlichsten Epoche leben, seit unsere Spezies existiert“ auch etwas mit dem Wandel von Männlichkeit zu tun. Dieser Zusammenhang scheint mir zwingender als die Idee eingelöster Buß- und Betformeln, auch wenn der heutige Feiertag willkommen ist, um mal etwas inne zu halten oder um ins Museum zu gehen.

Übrigens, der „Adonis von Zschernitz“ – wie die männliche Figur von seinen Ausgräbern getauft wurde – ist im 2. Obergeschoss des smac ausgestellt, inmitten zahlreicher anderer schöner Figuren und nicht weit entfernt von der „Venus von Zauschwitz“.

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2 Gedanken zu “Bußen und Beten – Männer

  1. Jens Beutmann schreibt:

    Der Buß- und Bettag ist ja bekanntlich ein protestantischer Feiertag, da ging es also bestimmt nicht um Buß- und BetFORMELN, sondern um ehrlich empfundene Reue und innere Einkehr (jedenfalls in der Theorie …). Insofern könnte man diese Bußtage sicherlich auch als Bestandteil des Zivilisationsprozesses (im Sinne Norbert Elias‘) ansehen, der zu immer stärkerer Sozialdisziplinierung und dem Rückgang – insbesondere alltäglicher – Gewalt geführt hat; und natürlich auch zur Veränderung von Männerbildern.

    • DM schreibt:

      … und um Pausen während der Gefechte, die der „Sozialdisziplinierung“ und dem Rückgang der Gewalt sicher Vorschub geleistet haben. Neigen sächsische Männer seit 1995 zu weniger Gewalt, gemessen am Bundesdurchschnitt?

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