Zurück

Archäologie. Schmuck. Architektur. 5 Fragen an Deganit Stern Schocken

SONY DSCDie Schmuckdesignerin Deganit Stern Schocken, Tel Aviv (Israel) präsentiert noch bis zum 29. März die Ausstellung „Cross Section“ im smac.

 

„Architektur in Gold und Silber“ nennt die Schmuckdesignerin Deganit Stern Schocken ihre Kunstwerke. Und tatsächlich kommt beim Betrachten ihrer Schmuckstücke die Assoziation an Bauwerke oder Stadtpläne auf. Im Rahmen der Tage der Jüdischen Kultur Chemnitz zeigt das smac vom 01. bis 29. März eine Auswahl des international geschätzten Oeuvres der Künstlerin. Wieder verweist bereits der Titel der Ausstellung „Cross Section“ (Schnitt bzw. Schnittzeichnung) auf die Verbindung zur Architektur, einerseits als künstlerische Orientierung und andererseits als Hommage an den Ausstellungsort: das Warenhaus Schocken Chemnitz, eine Ikone der Moderne von Erich Mendelsohn. Wir haben Deganit Stern Schocken gefragt, welche Botschaften sich hinter ihren schönen Dingen verbergen und woher sie die Ideen für Ihr Design nimmt:

 

1. Liebe Deganit, Sie gehören zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der Kulturwelt Israels. Erzählen Sie uns doch kurz Ihren Werdegang! Wie würde Sie Ihre Beziehung zu Schmuck beschreiben?

Ich wurde in einem Kibbuz in Galiläa im Norden Israels geboren. Meine Eltern gehörten zu jenen Pionieren, die Israel nach dem Krieg aufgebaut haben. Diese Situation hat mich entscheidend geprägt, d. h. seit meiner frühesten Kindheit bin ich sensibel gegenüber sozialen und politischen Fragen. Nach meiner Armeezeit habe ich Design und Architektur an der Bezalel Akademie für Kunst und Design studiert, eine der besten Hochschule in Jerusalem zu jener Zeit. Während meines Studiums lernte ich die Hürden kennen, die mit einer beruflichen Karriere in der Architektur verbunden sind. Ich entschied daraufhin, Schmuckdesignerin und nicht Architektin zu werden, auch weil ich die Verbindungen zwischen beiden Bereichen kreativer Gestaltung sah, dem Schmuckdesign einerseits und Architektur und Design andererseits.

 

2. Sie stellen Ihren Schmuck häufig in Bezug zur Architektur. Warum?

Schmuckdesign beschäftigt sich – wie Architektur – mit Verengung, Funktion, Bewegung, Materialien etc… Darüber hinaus steht jeweils die Frage des Verhältnisses zwischen Körper und Raum im Zentrum des Schaffens. Ich impliziere die gleichen Themen mit denen sich auch die Architektur auseinandersetzt und stelle den Körper, als Träger von Schmuck, in Relation zu einem städtischen Raum. Ein schönes Beispiel ist eine Ausstellung, die ich im Jahr 2000 gemacht habe. Der Titel der Ausstellung lautete „Urban jewellery / the body as a city“ (Urbaner Schmuck: Der Körper als Stadt. Zu dieser Zeit habe ich mich intensiv mit der Funktion von Schmuck als Ausdruck an sich beschäftigt. Ich finde, Schmuckherstellung und Design sprechen dieselbe kreative Sprache; man will etwas aussagen und nicht nur Dekoration herstellen. Für mich gibt es zweifellos eine schöpferische Spannung zwischen Ästhetik und Bedeutung.

 

3. Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre originellen Schmuckkreationen.

Ich denke, meine Antwort auf diese Frage lautet: Mein Leben.         Ich bin seit vielen Jahren Dozentin an einer Designhochschule und Kuratorin von Ausstellungen. Zudem habe ich die Gründung der Gruppe „Inyanim“ initiiert, eine Gruppe von Schmuckkünster_innen. Hinter dieser Gruppe steckt die Idee, Absolvent_innen der Hochschulen Bezalel und Shenkar durch regelmäßige Treffen in Kontakt zu bringen, um gemeinsam Ausstellungen zu gestalten. Unsere Präsentationen zeigen wir in Israel und im Ausland,  beispielsweise zuletzt in München bei der großen internationalen Show klimt02. Ich denke, all das inspiriert mich bei meiner Arbeit.

 

4. Der Nahostkonflikt ist in Israel omnipräsent. In Ihren Arbeiten nehmen Sie immer wieder Bezug auf diese Auseinandersetzung. Wie stellen Sie eine politische Aussagekraft im Design her?

Meiner Meinung nach ist es für uns alle wichtig, ein Bewusstsein für die Welt herzustellen, in der wir leben. Hierfür müssen wir uns stets auf soziale und politische Themen beziehen. Jeder auf seinem Gebiet und auf seinem eigenen Weg sollte sensibel dafür sein, was um ihn herum geschieht. Dies sind unsere Aufgaben und Pflichten. Aber man sollte es in einer Weise tun, die auch der Kunst eigen ist. Für mich ist es wichtig, auf subtile Weise und nicht offensichtlich zu überzeugen.Gerade meine Spätwerke tragen eine politische Botschaft. Zum Beispiel die Serie „Figure of Speech“. Hierfür habe ich geprägte Kunststofftafeln mit bunten, einfachen Bildern verwendet, die ich in Ost-Jerusalem erworben habe und die auf Arabisch beschriftet sind. Die Tafeln werden normalerweise genutzt, um Kindern das Lesen beizubringen. Es sind naive Bilder, die über die Verbindung mit Sprache ein Kind weiterbilden. Für meine Arbeit habe ich einzelne Bilder ausgeschnitten, sie unter eine perforierte Edelstahloberfläche gelegt und neue Elemente in Gold, Edelsteine ​​und Silber aufgebracht. Als ich gefragt wurde, warum ich dieses arabische Lehrgerät verwenden wolle, gab ich folgende Antwort: „wegen der Scham und der Hoffnung“. Um ein Gleichgewicht herzustellen, habe ich auch einige Stücke mit hebräischen Inschriften gefertigt. Ich verwendete Edelstahlplaketten, in denen Wörter und Sätze in Hebräisch eingeschnitten sind – Zitate aus Gedichten von Paul Celan.

Eine weitere Reihe ist „Kalandia Checkpoint“ aus dem Jahr 2007. Dafür habe ich zerschlagene und zerquetschte Getränkedosen am Checkpoint Kalandia, zwischen Israel und Palästina, gesammelt und mit Diamanten besetzt.

Ich habe das Gefühl, dass der Einsatz dieser Sprachen, dieser Mundarten Vehikel sind, um komplexe Ideen auszudrücken.

 

2015 03 18 Schmuck DeganitDie Serie „Figure of Speech“ von Deganit Stern Schocken.

 

5. Wie könnte ein Schmuckstück aussehen, das das smac beschreibt?

Eine Ausstellung in Mendelsohns großartigem Gebäude in Chemnitz zu machen, hat mich sehr inspiriert. Wie ich bereits erwähnt habe, besitzen vieler meiner Entwürfe eine direkte Verbindung zur Architektur.Darüber hinaus ist Schmuck in der Archäologie natürlich ein Thema. Schmuck gehört zu jenen Forschungsfeldern, die etwas über die Kulturgeschichte des Menschen erzählen. Außerdem denke ich, dass sich die Art musealer Präsentation in letzter Zeit gewandelt hat. Mehr und mehr ist erkennbar, dass Ausstellungen in Museen gezeigt werden, die nicht notwendigerweise der eigentlichen Sparte des Museums entsprechen, wie beispielsweise die Präsentation von Gegenwartskunst und Design in einem Archäologiemuseum wie dem smac. Eine gute Idee wäre sicherlich, einen Wettbewerb oder eine Ausstellung (oder beides) zu machen, bei denen Künstler_innen und Designer_innen Objekte zeigen, für die sie sich durch das smac haben inspiriert lassen.

 

2015 03 18 Eröffnung Cross SectionEröffnung der Ausstellung „Cross Section“ von Deganit Stern Schocken am 28.02.2015 im Rahmen der Eröffnung der 24. Tage der jüdischen Kultur Chemnitz im smac.

Zurück

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *