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Dinge mit Geschichte(n) #3 – Das Schieferplättchen von Groitzsch

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Die Darstellungen von Pferden auf dem Schieferplättchen von Groitzsch, Nordsachsen gehören zur frühen Kunst des Menschen. Das nur 5 cm große Stück stammt aus Grabungen in einem altsteinzeitlichen Lagerplatz auf dem Kapellenberg bei Groitzsch und ist 14.500 Jahre alt (© smac | Michael Jungblut)

 

Die Wendy der Steinzeit

 

Wer hat als Kind, kaum dem Schaukerlpferd entwachsen, nicht von einem eigenen Pferd oder zumindest einem Pony geträumt? Auf dem Rücken von Fury oder Black Beauty über Felder und durch Wälder reiten und gemeinsam Abenteuer erleben, was für ein wildes Kinderleben. Wer dann wenigstens seine Eltern überreden konnte, das Kind zum Reitunterricht zu schicken, erkannte schnell, dass die Welt auch vom Sattel aus kein Ponnyhof, sondern viel Disziplin war. Die Faszination für die anmutigen und sanften Tiere blieb, der Wunsch, selbst ein Pferd zu besitzen, verschwand bei den meisten wahrscheinlich schnell, auch, weil es andere spannende Hobbys auszuprobieren gab.

 

 

Zehntausende Jahre war das Verhältnis zwischen Mensch und Pferd allerdings von ganz anderen Erfordernissen geprägt. In der Altsteinzeit wurden Wildpferde von den Jäger- und Sammlergesellschaften gejagt. Domestiziert, d. h. als Nutztier gehalten, wurde das Pferd schließlich vor 5000 Jahren, höchstwahrscheinlich in der Eurasischen Steppe (genauer in der Region des heutigen Russlands, Kasachstans, der Ukraine und Rumäniens). Ob das Pferd am Beginn der Bronzezeit nur als Zug- oder bereits als Reittier genutzt wurde, ist nicht bekannt. Archäologisch nachgewiesen ist das Reiten erst für die ausgehende Bronzezeit im 9. Jh. v. Chr. In dieser Zeit und in den darauffolgenden Jahrhunderten war es üblich, Männern Reitzaumzeug mit ins Grab zu geben. Eine Szene mit Reitern ist darüber hinaus von den Felsmalereien von Tegneby im Bohuslän, Schweden bekannt, die ebenfalls in die Bronzezeit datiert.

 

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Das Schieferplättchen von Groitzsch mit den Pferdedarstellungen auf der „Vorderseite“ in der Umzeichnung. (© smac)

 

Unabhängig von ihrer Nutzung waren Pferde für die Kunst stets gefragte Models. Sehr schön illustriert dies auch die Ausstellung „Pferde“ Fotografien von Yann Arthus-Bertrand, die vom 28. März bis 21. Juni 2015 im Neanderthal Museum zu sehen ist. Die älteste Pferdedarstellung in Sachsen datiert bereits in die Altsteinzeit, genau genommen um 14.500 vor heute. Es handelt sich um das Abbild von drei Pferden, die in einen Schieferstein graviert worden sind. Auf der „Vorderseite“ sind 2 Pferdeköpfe zu erkennen. Die beiden Schnauzen der Pferde verschmelzen an der linken Schmalseite miteinander. Das dritte Pferd ist auf der „Rückseite“ zu sehen. Wieder sind vor allem der Kopf und der Hals dargestellt.

 

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Das Schieferplättchen von Groitzsch mit den Pferdedarstellungen auf der „Rückseite“ in der Umzeichnung. (© smac)

 

Dem Schieferplättchen von Groitzsch stehen die berühmten Pferdezeichnungen aus den eiszeitlichen Höhlen zur Seite. Und wer kennt sie nicht, die kleinen dickbäuchigen Pferde aus der Höhle von Lascaux, im Herzen der Dordogne, Frankreich. Dargestellt sind Przewalski-Pferde mit dem typischen gedrungenen Körper und der kurzen Stehmähne. Gezeichnet wurden die Bilder ca. 15.000 v. Chr. und es sind nicht die älteste Pferdedarstellungen, die wir kennen. Rund 20.000 Jahre älter sind die Höhlenmalereien in der Grotte Chauvet im Dép. Ardèche, Frankreich, die erst 1994 entdeckt worden sind. Die übereinander liegenden Pferdedarstellungen im sogenannten „Panneau der Pferde“ wecken Assoziationen zum berühmten Bild „Der Turm der blauen Pferde“ des expressionistischen Malers Franz Marc (1880-1916), nur liegen eben mehrere zehntausend Jahre zwischen beiden Kunstwerken. Mit dem 3D-Dokumentarfilm „Die Höhle der vergessenen Träume“ hat jüngst der Regisseur Werner Herzog den Malereien in der Grotte Chauvet ein Denkmal gesetzt. Seit April 2015 kann man die Höhlenbilder als Reproduktion in einer Replik der Höhle unweit der Chauvet-Höhle besichtigen. Das Original bleibt aus konservatorischen Gründen für die Öffentlichkeit verschlossen.

 

Über die Deutung der eiszeitlichen Höhlenmalerei wurde viel spekuliert. Plausibel erscheint, dass die frühen Jägerkulturen Berichte über eine erfolgreiche Jagd auf die Höhlenwände gebracht haben, da neben Pferden auch weitere Jagdtiere wie Rentiere, Wildrinder und Mammuts und sogar Jagdwaffen dargestellt sind. Darüber hinaus zeigen uns die Höhlenmalereien und das Schieferplättchen von Groitzsch aber vor allem eines, dass nämlich der Homo sapiens, der moderne Mensch also, sich seine Umwelt von Beginn an durch Kunst begreifbar gemacht hat.

 

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Das Schieferplättchen vom Augustusplatz in Leipzig mit Pferdedarstellung aus dem 15. – 18. Jh. (© smac).

 

Wiederkehrend war das Pferd durch die Jahrtausende ein beliebtes Motiv. So gibt es außer dem bronzezeitlichen Rasiermesser in Pferdeform aus Dresden-Neustadt in der sogenannten Alltagswand im 3. OG des smac mehrere Pferdeplastiken zu entdecken. Ein echtes Pendant zum Schieferplättchen von Groitzsch ist das wesentlich jüngere Schieferplättchen vom Augustusplatz in Leipzig. Es zeigt die neuzeitliche Darstellung eines Pferdes mit Sattel und Zaumzeug. Im Gegensatz zur ausschließlichen Nutzung der Pferde als Jagdtier in der Altsteinzeit war hier schon längst gewiss: „Auf dem Rücken der Pferde liegt das Glück der Erde.“

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