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Fremdes Vertrautes – Ein Tanzprojekt im smac

von Frauke Schilling

Tanzgruppe 55+ © Foto: Luo Shiwei

Menschen schimpfen! Sie schimpfen über das Wetter, sie schimpfen über die Gesundheit, sie schimpfen auf den Nachbarn. Doch Moment, hört man in den letzten Monaten nicht immer auch ein lautes Schimpfen gegen alles Fremde? Ja, es ist kaum zu überhören dieses Schimpfen, denn es begegnet uns in der tagtäglichen Berichterstattung der Medien und auf der Straße. Menschen haben Angst, deshalb schimpfen sie. Angst vor allem fremden, das in diesen Tagen doch scheinbar überall auf uns lauert.

Angst vor Fremden sollte jedoch niemand haben. Die Dauerausstellung in unserem Museum zeigt deutlich, dass die Entwicklung Sachsens erst mit dem Austausch von fremden und eigenen Traditionen zu einer Erfolgsgeschichte geführt hat. Wer schon einen Blick in unsere zweite Etage geworfen hat, weiß, dass z. B. die älteste bäuerliche Kultur in Sachsen, die der Bandkeramik, durch Innovationen aus dem Nahen Osten und dem südöstlichen Mitteleuropa erst hervorgebracht wurde. Wenn wir aus der Geschichte lernen, dann, dass Angst vor dem Fremden Stillstand in der Entwicklung einer Kultur bedeutet und das kann niemand wollen. Doch wie kann der diffusen Angst begegnet werden, die die Menschen auf die Straße treibt? Darüber wird sich derzeit in allen Instanzen der Kopf zerbrochen. Aber – im Sinne der langsam mahlenden Mühlen (und das soll keine Kritik sein) – bis etwas auf die Beine gestellt wird, vergeht Zeit.

Dennoch gibt es schon jetzt großartige Projekte, die einen Teil zur „Angstminderung“ beitragen, die das Schimpfen verstummen lassen wollen. Dies sogar ohne den erhobenen Zeigefinger, dafür mit viel Gefühl und Leidenschaft. Für ein solch einmaliges Projekt diente Anfang Dezember das smac als Plattform.

Unter dem Titel „Fremdes Vertrautes“ trafen sich 82 Menschen jeden Alters aus 13 verschiedenen Ländern zu einer Veranstaltung, die das Museum mal auf eine ganz andere Art inszenierten – bunt und laut aber auch leise und nachdenklich. Rund um ein kleines unscheinbares Exponat, das sich in unserer Dauerausstellung im dritten Stock befindet, baute sich die Inszenierung auf. Es handelt sich um eine Figur eines Moriskentänzers, die in das Jahr um 1500 datiert. Sie wurde bei archäologischen Ausgrabungen in Chemnitz gefunden. Moriskentänzer tanzten im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit an mitteleuropäischen Höfen. Der Ursprung dieses Tanzes ist nicht gänzlich geklärt. Das Wort Moriske jedoch kommt vom spanischen Wort „morisco“, was „Maurisch“ bedeutet. Und auch hier: Eine Verbindung zu einer fremden Kultur lässt sich nicht leugnen. Die Geschichte einer Migration und Übernahme von Traditionen, wie sie so oft in unserem Museum erzählt wird.

3.OG_AW_3.D18_C094_DetailBronzefigur eines Moriskentänzers aus Chemnitz. Höhe: 5 cm © Foto: smac

Ein Mitglied der Tanzgruppe 55+ war von der Figur des Moriskentänzers im smac so stark beeindruckt, dass sie beschloss, diesen Tanz mit ihrer Tanzgruppe wieder zu beleben. Amateure, Künstler, Musiker, Schulen und verschiedene Vereine aus dem In- und Ausland schlossen sich diesem Projekt an, darunter auch viele Kinder von geflüchteten Familien. Ein Projekt, das Menschen unterschiedlicher Generationen und unterschiedlicher Kulturen verbindet. Sie tanzen, sie singen, sie musizieren und erzählen Geschichten. Ein kunterbuntes Programm, das durch das gesamte Haus führt.

Morisken4Breakdancer als Moriskentänzer der Gegenwart © Foto: smac

Der Inhalt der Inszenierung ist so vielschichtig, dass jeder Versuch einer Rezension scheitern muss. Die Aufführung muss gesehen werden! Und eine weitere Gelegenheit erhalten Sie am 28.02.2016, um 16 Uhr. Wir möchten Sie schon jetzt herzlich dazu einladen, sich ein Bild von diesem einmaligen Erlebnis zu machen. Das Fremde soll nicht das Eigene werden, aber das Fremde kann vertraut werden und vertraute Dinge machen weniger Angst.

 

 

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