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Dinge mit Geschichte(n) #4 – Die Ofenkachel mit dem schlafenden Ritter

von Lisa-Maria Rösch

Schlafender Ritter

Diese Ofenkachel aus der frühen Neuzeit wurde in der Leipziger Innenstadt gefunden und ist heute in der Alltagswand des smac zu sehen. Sie zeigt einen Ritter, der sich in voller Rüstung ins Gras gesetzt hat und sich eine Ruhepause gönnt. (© LfA)

 

Das Motiv der Kachel rückt ein ganz zentrales Thema in den Mittelpunkt: das Schlafen. Wann wurde wie und auf was geschlafen und inwieweit unterscheidet sich das zu unseren Schlafgewohnheiten heute? Auf diese und andere Fragen wollen wir heute, am Weltschlaftag, eingehen und dazu einen kurzen Blick in die Vorgeschichte werfen.

 

„Und, wie hast du heute geschlafen?“

 

Wie oft hat jeder von uns diese Frage schon gehört? Und wie oft hat man „Furchtbar, ich konnte einfach nicht einschlafen!“ geantwortet? Die Gründe, die einen nachts wachhalten können, sind so vielfältig wie noch nie zuvor. Dabei hat sich der Mensch doch ein gemütliches und vor allem sicheres Zuhause aufgebaut. Eigentlich könnte man in Ruhe schlafen; man muss sich keine Gedanken um einen Sturm oder ein Gewitter machen, das plötzlich aufzieht und einem den Schlaf raubt. Ebenso ist die Gefahr vor nächtlichen Angriffen durch Menschen oder wilde Tiere zumindest in den eigenen vier Wänden quasi ausgeschlossen. Auch das Lager, auf dem wir liegen, kann man geradezu als luxuriös beschreiben: weiche Kissen und Decken, eine gefederte Matratze und ein gut stützender Lattenrost; und im Schlaflabor werden die Dinge, auf und unter denen wir schlafen weiterentwickelt und verbessert, um uns noch besser schlafen zu lassen.

 

Wie muss das wohl gewesen sein, als das Bett, so wie wir es heute kennen, noch nicht existiert hat? Zuerst wird man sich denken, so viel unbequemer wird das schon nicht gewesen sein, schließlich war man selbst ja schon öfter campen und außerdem waren die Menschen das früher eben gewohnt nur auf Stroh oder anderen Naturmaterialien zu liegen.

 

Aber versuchen wir uns das Schlafen in der Vergangenheit anhand archäologischer Indizien doch einfach mal vorzustellen…

 

Denken wir uns 20.000 Jahre zurück, befinden wir uns hier in Sachsen unter Schnee begraben. Es herrscht gerade das zweite Kältemaximum der letzten Kaltzeit, der sogenannten Weichsel-Eiszeit, und fast ganz Nordeuropa ist menschenleer. Erst in einer Handvoll Jahrtausenden wird diese Gegend wiederbesiedelt und nach einigen weiteren Tausend Jahren steigt die Temperatur bis zu dem uns heute bekannten Maß.

 

Um ähnliche Temperaturen wie wir sie kennen zu erleben, müssten wir etwa 125.000 Jahre zurück, in die Eem-Warmzeit, gehen. Es wäre sogar noch ein wenig wärmer als heute. Wir wären dann keine Angehörigen der homo sapiens mehr, sondern frühe Neandertaler und würden uns kein Zelt aus wind- und wetterdichten Kunststoffplanen aufbauen, sondern zum Beispiel in hoffentlich unbewohnten Höhlen oder unter Felsvorsprüngen Unterschlupf suchen. Sicherlich war es dort kalt und zugig, keine Frage. Und in weniger karstreichen Gebieten würden wir uns provisorische Höhlen im Eigenbau erschaffen oder unter freiem Himmel schlafen wie es die Neandertaler in Markkleeberg, im Südraum von Leipzig getan haben.

 

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Das Modell eines Lagerplatzes der Neandertaler mit kleiner, runder Hütte und Windschutz wie es in der Ausstellung zu sehen ist. © smac | Laszlo Farkas

 

Wer den letzten Gedanken für sehr romantisch hält, sollte vor den Tieren gewarnt sein, die damals unterwegs waren: Wer möchte schon nachts einem Flusspferd, Waldnashorn oder Waldelefanten begegnen? Also sollten wir der Sicherheit wegen lieber eine Wache wählen, die auf uns aufpasst, während wir schlafen. Oder am besten sehr laut schnarchen, um ungeliebte Eindringlinge vorzeitig zu vertreiben.

 

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf unruhig zu schlafen, ist wohl für jeden von uns verständlich.

 

Da denkt man gleich, dass sich die Schlafsituation mit den frühen sesshaften Kulturen wirklich verbessert hat. Zumindest hatte man einen festen Ort, an den man abends zurück kam und sich zum Schlafen niederlegte.

 

Die Häuser waren vor etwa 7.500 Jahren schon sehr stabil gebaut, sodass wir zumindest vor dem gröbsten Wetter geschützt wären. Man lebte, inzwischen seit gut einem Dutzend Jahrtausenden als homo sapiens, in einer dorfähnlichen Gemeinschaft zusammen.

 

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Die frühen jungsteinzeitlichen Häuser waren mit höchstem handwerklichem Können gebaut und mehrere dieser Gebäude reihten sich aneinander. © smac | Michael Jungblut

 

Mit wie vielen Leuten oder vielleicht sogar Familien man sich ein Haus teilte, ist archäologisch kaum zu ermitteln. Während es aber vor einigen Jahrzehnten auf dem Land auch noch üblich war, sich ein Zimmer mit der ganzen Familie und eine „Wohnung“ mit mehreren Familien zu teilen, empfinden wir es heute als unangenehm. Sind wir doch oft schon von den nächtlichen Geräuschen unserer Partner gestört und die Vorstellung, sich mit verschiedenen Familien einen durch Flecht- und Lehmwände untergliederten Raum zu teilen, bereitet uns ein mulmiges Gefühl.

 

Aber nicht nur die Anwesenheit von Tieren und anderen Menschen müssen wir bedenken, sondern ebenso unseren Schlafrhythmus. Denn diesen müssen wir im Neolithikum natürlich am Sonnenlauf ausrichten, sprich bei Sonnenaufgang aufstehen und zur Ruhe kommen, sobald die Sonne untergeht.

 

Für viele von uns dürfte das recht ungewohnt sein, sitzt man heutzutage ja auch abends und nachts noch stundenlang vor dem Fernseher oder dem Computerbildschirm. Vermutlich wären wir nach einem Tag Feldarbeit oder dem Hüten unseres Viehs so müde, dass wir keine Ablenkung durch unsere neuen Medien brauchen würden. Vielleicht eher noch ein Schwätzchen mit unseren Nachbarn (oder Mitbewohnern?) um Neuigkeiten oder Klatsch und Tratsch auszutauschen?

 

Wir sollten den Tag auch nicht unnötig verlängern, müssen wir uns doch erst noch an einiges gewöhnen: den Tagesablauf, die Arbeit, die für unsere Maßstäbe ungemütlichen Betten…

 

Wären wir zu Hause würden wir unseren Liebsten, die nicht bei uns sind, eine gute Nacht via Handy wünschen, hier ist das aber leider nicht möglich. Unsere Eltern oder Geschwister können dutzende, vielleicht hunderte Kilometer von uns entfernt leben und wir hätten seit Monaten oder gar Jahren keinen Kontakt mehr. Ein Gedanke vor dem Schlafengehen muss deshalb reichen.

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Dinge mit Geschichte(n) #4 – Die Ofenkachel mit dem schlafenden Ritter

    • Doreen Mölders schreibt:

      Liebe Marlene,

      vielen Dank für das Lob, das ich gern an die Autorin weiterleite.

      Liebe Grüße aus dem smac
      Doreen Mölders

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