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Ein Museum für alle…

von Frauke Schilling

…an dieser Baustelle arbeiten wir mit Hochdruck. Im Rahmen des Aktionsplans der Sächsischen Staatsregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention haben wir jetzt die Gelegenheit unsere Dauerausstellung mit Elementen zu erweitern, die die Teilnahme aller Menschen an unserer Ausstellung möglich macht.

Nicht falsch verstehen: Unser Haus ist baulich barrierefrei – aber um die Teilhabe aller Menschen am musealen Erlebnis zu ermöglichen, braucht es mehr. Wir planen z. B. Stationen an denen Repliken sowie Originale zu ertasten sind und Relieffolien, die einige Fundplätze erklären. Neben Taststation gibt es aber auch etwas auf die Nase. Haben Sie schon einmal an einer Latrine gerochen? Die Stationen werden zusätzlich mit einem Audioguide für Blinde und Sehbehinderte und einem Leitsystem verbunden.

inklusion_blog_1Bitte berühren! Repliken, originale Funde und Schilder, die in unserer Dauerausstellung eingebaut werden.

Aber das ist noch nicht genug: Auch eine Vielzahl anderer Maßnahmen werden unser Museum bereichern und zeigen, dass ein „Museum für alle“ kein Wunschdenken ist. Ein Textheft in Großschrift, soll jede Etage ergänzen und auch ein Videoguide in deutscher Gebärdensprache wird in die Ausstellung integriert.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer Maßnahmen ist die Aufarbeitung unseres musealen Angebots in Leichter Sprache. Dazu haben wir bereits im Laufe des letzten Jahres eine Broschüre herausgebracht, die alle Informationen für einen anstehenden Besuch in unserem Museum zusammenfasst. Auch im Netz sind mittlerweile alle Informationen in Leichter Sprache zu unserem Haus zu finden. Und druckfrisch ist unser Katalog in Leichter Sprache in unserem Shop zu erwerben. Last but not least wird es auch einen Audioguide in Leichter Sprache geben.

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Unsere Broschüre in Leichter Sprache.

Leichte Sprache dient vielen Menschen. Sie ist für Menschen mit Lernschwierigkeiten konzipiert und dient auch grundsätzlich Menschen, die die deutsche Sprache noch nicht perfekt beherrschen. Sie dient aber auch dazu, Menschen, die wenig lesen und Menschen mit funktionalem Analphabetismus, komplexe Informationen zu vermitteln.

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Frau Dworski von der Lebenshilfe Sachsen e. V. in unserer Ausstellung.

Für unsere Projekte in Leichter Sprache haben wir uns professionelle Unterstützung geholt. Frau Anja Dworski vom Büro für Leichte Sprache von der Lebenshilfe Sachsen e. V. erarbeitete unsere Texte in Leichter Sprache und wir haben nachgefragt:

Gab es Besonderheiten in der Archäologie, die sie bei der Übersetzung in die Leichte Sprache beachten mussten?

Wir sprechen in unserem Büro für Leichte Sprache nicht von Übersetzung, sondern von Übertragung. Denn die Texte werden nicht eins zu eins „übersetzt“, sondern in Leichter Sprache gänzlich neu geschrieben und aufbereitet. Die Texte verändern sich sehr stark. Das betrifft zum Beispiel die Reihenfolge, in der Informationen vermittelt werden.

Bei den Texten für das Archäologische Museum haben wir zum Beispiel alle Jahreszahlenangaben, wie z.B. „950 vor Christus“ in konkrete Zahlen umgerechnet.
In Leichter Sprache würde es also heißen: „Vor fast 3 Tausend Jahren“.

Dann, und das gilt für alle Texte in Leichter Sprache, haben wir besonders darauf geachtet, dass wir von den Besucherinnen und Besuchern kein Vorwissen erwarten. Bei den allgemeinen Texten in Museen ist das häufig anders. In Leichter Sprache werden Begriffe wie „Homo sapiens“, „Charles Darwin“, „die Slawen“, „Kurfürst“ oder „Römisches Reich“ erklärt – das gilt selbst für das Wort „Archäologie“. Zusätzlich vermeiden wir Fremdwörter. Die Besucher sollen alles ohne Vorkenntnisse entdecken und verstehen können.

Es ist aber ebenso wichtig, genau zu sein. Denn auch in Leichter Sprache müssen die Informationen korrekt sein. Zusätzlich werden alle Texte von Menschen mit Lernschwierigkeiten auf Verständlichkeit geprüft.

Beim Audioguide war es außerdem so, dass wir die Gesamtdauer von über 3 Stunden deutlich verkürzen wollten. Das haben wir zum Beispiel dadurch erreicht, dass die Informationen recht direkt und schnörkellos vermittelt werden.

Worauf müssen die Sprecher beim Audioguide in der Leichten Sprache achten?

Das wichtigste ist ein verringertes Sprechtempo. Wir geben den Besucherinnen und Besuchern so die Zeit, die gehörten Informationen zu verarbeiten.
Die Herausforderung ist es, auch bei einem verringerten Tempo einen natürlichen,
aber nicht belehrenden Tonfall zu halten.

Können Sie uns an einem Beispiel des Audioguides die Übersetzung der leichten Sprache zeigen?

Die Texte lassen sich meistens eben nicht eins zu eins vergleichen. Aber nehmen wir zum Beispiel die Einleitung der Station „Out of Africa“. Im herkömmlichen Audioguidetext heißt es zum Beispiel:

„Die Wiege der Menschheit liegt in Afrika, wie Funde früher Menschenformen vor allem im östlichen Afrika belegen. Über lange Zeiträume hinweg haben sich einige der Hominidenformen nach Asien und Europa und schließlich über die ganze Erde verbreitet. Der animierte Globus verdeutlicht dies mit einer integrierten Zeitleiste. …“

In Leichter Sprache klingt der Abschnitt folgendermaßen:
Wir stammen aus Afrika
Die ersten Menschen lebten in Afrika.
Das war vor rund 7 Millionen Jahren.
Später haben sich die Menschen
nach Europa und Asien ausgebreitet.
Das können Sie auf dem großen Globus sehen. …“

Professionelle Unterstützung haben wir uns jedoch nicht nur für die Leichte Sprache geholt: Für die Erarbeitung eines Leitsystems für Blinde und Sehbehinderte unterstützt uns der Weiße Stock e. V., die Kreisorganisation Chemnitz/Stollberg des Blinden- und Sehbehindertenverbandes Sachsen e. V.  und besonders Herr Titus Bostelmann, Rehabilitationslehrer für Blinde und Sehbehinderte. Unseren Videoguide in Deutscher Gebärdensprache prüfte der Stadtverband der Gehörlosen Chemnitz e.V. auf Herz und Nieren. Allen sei auf diesem Wege unser Dank ausgesprochen.

Wer sich über unsere Maßnahmen für ein „Museum für alle“ informieren möchte oder Fragen hat, kann sich gern an mich wenden (frauke.schilling@lfa.sachsen.de) oder einen Kommentar hinterlassen.

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4 Gedanken zu “Ein Museum für alle…

  1. Marlene Hofmann schreibt:

    Danke für die interessanten Einblicke. Das klingt nach einer Menge Arbeit! Wie viel Zeit habt ihr für diese Umgestaltung eingeplant? Gibt es fionanzielle Unterstützung dafür? Mich würde später auch interessieren, wie eure Erfahrungen damit sind. Nutzen die Angebote vielleicht auch andere Besucher? (könnte ich mir vorstellen)
    Herzliche Grüße,
    Marlene Hofmann

    • Frauke Schilling schreibt:

      Hallo Marlene, vielen Dank für Deinen Kommentar.
      Eine Menge Arbeit, die aber auch großen Spaß bringt!
      Die Planungen für ein „Museum für alle“ gibt es bereits seit Eröffnung des Hauses. Mit der finanziellen Unterstützung aus dem Aktionsplan der Sächsischen Staatsregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention – und Mitteln aus unserem eigenen Haus – können wir jetzt zeitnah einen großen Teil der Maßnahmen umsetzen.
      Wir sind uns sicher, dass jeder Besucher von unseren Maßnahmen profitieren wird – die Repliken zum Anfassen sind für jeden zugänglich. Auch unser Flyer in Leichter Sprache erfreut sich großer Beliebtheit.
      Über Erfahrungen mit den umgesetzten Maßnahmen werden wir berichten.
      Herzliche Grüße,
      Frauke Schilling

  2. Museen der Stadt Nürnberg schreibt:

    Ich kann mich dem Kommentar von Marlene Hofmann nur anschließen: Sehr guter Blogbeitrag und Antworten auf die Fragen wären wirklich interessant. Bei den Museen der Stadt Nürnberg gibt es ebenfalls einige Aktivitäten zu diesem Thema, da sind wir natürlich neugierig auf die Erfahrungen anderer Einrichtungen.

    • Frauke Schilling schreibt:

      Liebe Museen der Stadt Nürnberg,
      vielen Dank für Euer Lob. Auch wir sind bei diesem Thema immer noch in einem spannenden Lern- und Entstehungsprozess und sind über Austausch mit anderen Häusern dankbar. Konkrete Fragen könnt Ihr gerne an meine Mailadresse senden: frauke.schilling@lfa.sachsen.de
      Beste Grüße,
      Frauke Schilling

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