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Political Correctness und der Prozess der Zivilisation

von Jens Beutmann

In seinem berühmten Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ (1939) hat der Soziologe Norbert Elias gezeigt, wie die westliche Welt seit dem Mittelalter einen Prozess durchlaufen hat, der nicht nur die Sozial-, sondern damit auch die individuellen Persönlichkeitsstrukturen verändert hat. Zunehmende gesellschaftliche Zentralisierung und die immer stärkeren Abhängigkeiten in einer komplexer und arbeitsteiliger werdenden Gesellschaft erforderten neue Regeln des Zusammenlebens. Durch gegenseitige soziale Kontrolle und obrigkeitlichen Druck wurden diese Regeln allmählich durchgesetzt. Diese Veränderung bezeichnete Elias als „Zivilisationsprozess“ oder auch als „Zivilisierung“.

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Die Alltagswand im smac. Auf 45 Meter Länge sind wie in einem Warenregal (als Hommage an das Kaufhaus Schocken) über 1300 Objekte vom 8. bis zur Mitte des 19. Jhs. ausgestellt.              (© smac | Meike Kenn)

Elias hat für seine Studie insbesondere „Anstandsliteratur“ wie spätmittelalterliche „Tischzuchten“ herangezogen. Dabei konnte er feststellen, dass die Anforderungen an ein korrektes Benehmen bei Tisch immer höher wurden, und dass Regeln, die zunächst noch explizit formuliert wurden (Man schnäuze sich nicht in das Tischtuch) in späterer Literatur dann offenbar selbstverständlich vorausgesetzt wurden. Diese Verfeinerung der Tischkultur lässt sich übrigens auch am archäologischen Fundgut ablesen, wie es in der Alltagswand im smac präsentiert wird. Geschirr in „Portionsgröße“ (Trinkbecher und -gläser zunehmend im Spätmittelalter, Teller um 1500) ersetzen die Gemeinschaftsschüsseln, aus denen sich jeder bedient hatte. Statt das Fleisch mit den bloßen Händen anzufassen, kamen um 1600 Gabeln in Gebrauch – anfangs noch unter dem Argwohn konservativer Kräfte, die diese als Teufelszeug ansahen.

Tischkultur

Geschichte der Tischkultur. Trinkgeschirr des Spätmittelalters, 15. Jahrhundert. (© smac )

 

Gabeln

Geschichte der Tischkultur. Besteck des 17./18. Jahrhunderts.  (© smac )

In weiterer Perspektive sah Elias beim Individuum eine zunehmende Selbstkontrolle im Zusammenleben. Statt spontan seinen emotionalen Impulsen nachzugeben, schaltete der Einzelne innere Zwischeninstanzen ein, die sein Handeln steuerten. Schamschwellen wurden höher (man erledigte seine Notdurft nicht mehr in der Öffentlichkeit), die Fähigkeit, psychische Vorgänge in anderen zu verstehen, nahm zu und man gewöhnte sich daran, die Folgen des eigenen Handelns langfristiger vorauszuberechnen. Das alles führte auch dazu, dass die Gewaltbereitschaft zumindest gegenüber Mitgliedern der „eigenen“ Gesellschaft deutlich zurückging. Diese drastische Abnahme der Gewalt im Laufe der Menschheitsgeschichte hat in jüngerer Zeit auch der Psychologe Steven Pinker in seiner 2011 erschienenen umfassenden Studie „Gewalt – Eine neue Geschichte der Menschheit“ diagnostiziert.

Der Begriff „Political Correctness“ oder „Politische Korrektheit“ wird heute vor allem als Kampfbegriff angesehen, der vor allem von Gegnern bestimmter sozial vereinbarter Sprachregelungen verwendet wird. Dennoch meine ich, dass „P.C.“ ein Phänomen beschreibt, das intuitiv von Gegnern und Befürwortern leicht verstanden wird. Es geht dabei vor allem darum, dass im öffentlichen Leben zunehmend darauf geachtet wird, Gruppenbezeichnungen den Eigenbezeichnungen der jeweiligen Gruppen anzupassen und nicht auf als diskriminierend empfundene Fremdbezeichnungen zurückzugreifen. Aus dem „Zigeuner“ wurde also der „Sinto“ oder „Rom“. Zur Political Correctness gehört auch, dass Stereotypen und Vorurteile (also: unüberprüfte Verallgemeinerungen), die mit diesen Gruppen assoziiert wurden, nicht mehr unreflektiert als gegeben angesehen werden.

Dass es eine „Politische Korrektheit“ im wörtlichen Sinne nicht geben kann, weil Politik eben keine Korrektheit, sondern nur Interessen und deren Ausgleich kennt, sollte ohnehin Allen klar sein. Dennoch scheint es mir evident, dass die Durchsetzung der Political Correctness eine Fortsetzung des Zivilisationsprozesses ist, den wir seit vielen Jahrhunderten durchlaufen. Das muss im Einzelnen immer gesellschaftlich verhandelt werden und Minderheiten (und nicht nur die) werden damit leben müssen, dass Fremdbild und Selbstbild auseinanderfallen. Mehrheitlich als abwertend empfundene Bezeichnungen von Gruppen gehören jedoch so wenig in den öffentlichen Diskurs wie Beleidigungen gegenüber Individuen – über letztere Forderung besteht in der bürgerlichen Gesellschaft schon lange Einvernehmen.

Der Zweck der Kommunikation ist es in der Regel nicht, missverstanden zu werden. Wer heute öffentlich Begriffe wie „Neger“ benutzt, weil er meint, dies der Freiheit des Wortes und des Gedankens schuldig zu sein, geht – willentlich oder nicht – das Risiko ein, als Rassist verstanden zu werden. Auch eine Diskussion darüber, ob „Neger“ „eigentlich“ überhaupt abwertend gemeint sei, führt hier zu nichts, weil etymologische oder persönlich sicherlich Gründe zu finden sind, die eine neutrale Deutung des Begriffes ermöglichen, aber das Missverständnis eben vorprogrammiert ist und Menschen sich durch diese Wortwahl gekränkt fühlen werden – abgesehen davon, dass moderne sozialwissenschaftliche und biologische Erkenntnisse an „rassischen“ Kriterien orientierte Gruppenbezeichnungen ohnehin fragwürdig erscheinen lassen.

Die historischen Erfahrungen gerade des 20. Jahrhunderts legen es nahe, dass die zivilisatorische Kruste über dem ungezähmten Tier Mensch doch recht dünn sein mag. In politisch aufgewühlten Zeiten wie den unsrigen steht es uns allen wohl an, zweimal nachzudenken, bevor wir den gesellschaftlichen Frieden einem abstrakten Freiheitsverständnis opfern. „Sprachtabus“ sind keine Denktabus, sondern sie dienen dazu, in alltäglichen Kommunikationssituationen Verletzungen und die gedankenlose Tradierung von Stereotypen zu vermeiden. Es ist eben ein wesentlicher Bestandteil auch abendländischer Zivilisation, dass wir nicht spontan unseren Trieben und Instinkten folgen, sondern vorab die Folgen nicht nur unserer Taten, sondern auch unserer Worte bedenken.

Wollen wir wirklich einen Zivilisationsprozess rückgängig machen, der uns gelehrt hat, nicht auf die Straße zu scheißen, unsere Nase nicht mit dem Tischtuch zu putzen und unser Gegenüber nicht bei dem ersten Anzeichen einer Beleidigung mit dem Messer anzugreifen? Political Correctness ist gesellschaftlicher Fortschritt – auch wenn sie manchmal nervt. Im privaten Umfeld esse ich ganz gern auch mal mit den Fingern.

 

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Ein Gedanke zu “Political Correctness und der Prozess der Zivilisation

  1. Georg schreibt:

    Man war ja kreativ in dieser Zeit, was sie gebastelt haben, als Waffen und alltägliches Zeuge ist sehr faszinierend und wie sie sie benutzt haben. Einigen hatten auch ein innovaties Design dazu.
    LG
    Georg

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