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Mit Kisten in den Dschungel

von Sabine Wolfram

Gut gepackte Expeditionskisten stehen am Anfang des Rundgangs durch die Ausstellung „Schätze der Archäologie Vietnams“. Sie symbolisieren die deutsch-vietnamesische Zusammenarbeit einerseits und stehen andererseits für die Schwierigkeiten von Forschungen in schwer zugänglichen Regionen wie dem Dschungel.

IMG_3378Installation der Expeditionskisten in der Ausstellung „Schätze der Archäologie Vietnam“ (© smac)

Schon lange bevor die Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts in den 1990er Jahren archäologische Forschungen in Vietnam begann, waren Forscher aus der DDR im sozialistischen „Bruderstaat“ tätig gewesen. Punktuell gab es eine Zusammenarbeit auf den Gebieten der Paläontologie und Archäologie, aber auch der Ethnologie und des Museumswesens. Die nachhaltigste Kooperation fand von 1968 – 1989 auf dem Feld der 14C-Datierung statt. Das Ost-Berliner Labor unter der Leitung von Hans Quitta bearbeitete 215 Proben, die im Rahmen der Dissertation eines jungen Kollegen aus Vietnam zur ersten absoluten Chronologie Vietnams beitrugen.

Wissenschaftlich ebenfalls bahnbrechend und von den Umständen her faszinierend, waren die Forschungen des Weimarer Instituts für Quartärpaläontologie 1963 und 1964 in Nordvietnam. Ein Staudammprojekt gefährdete eiszeitliche Höhlenfundplätze im Dschungel am Roten Fluss und das Staatliche Wissenschaftliche Komitee Nordvietnams bat die DDR um Hilfe. Nach Erkundungen 1963 vor Ort, organisierte das Weimarer Institut – gemeinsam mit dem Staatlichen wissenschaftlichen Komitee Nord-Vietnams  – zwei deutsch-vietnamesische Expedition für 1964. Ziel der vornehmlich paläontologischen Expedition war es, die Kenntnislücke über die Entwicklung der eiszeitlichen Wirbeltierfauna in diesem Teil Südostasiens zu schließen und paläoanthropologische Daten zu sammeln. Auf deutscher Seite oblag die Leitung der Expedition in den Dschungel dem Weimarer Institutsdirektor Hans-Dietrich Kahlke. Kahlke (1924-2017), der in Jena nach dem Zweiten Weltkrieg neben Geologie und Anthropologie auch Archäologie studiert hatte, ist in der archäologischen Fachwelt aufgrund seiner Ausgrabungen der bandkeramischen Gräberfelder von Bruchstedt und Sonderhausen (Thüringen) bekannt. Seine geologischen Grabungen zeugen von seiner fundierten Kenntnis archäologischer Grabungsmethoden.

IMG_3379Detailansicht der Expeditionskisten in der Ausstellung „Schätze der Archäologie Vietnam“ (© smac).

Bestens ausgerüstet mit Vermessungs- und Grabungsgerät, Aggregat, Filmkamera und Filmmaterial, Campinghockern, Kleidung sowie vermeintlich haltbaren Lebensmitteln wie Ungarische Salami, Dosenmilch und löslichem Kaffee – alles sicher in Kisten verpackt – reiste Kahlke mit drei Mitarbeitern in vier Tagen von Erfurt über Berlin und Moskau, Irkutsk, Omsk, Peking, Wuhan und Nanning nach Hanoi. Einen Eindruck von der damaligen Ausrüstung geben Kisten, die Ende der 1960er Jahre in Weimar für eine Expedition nach Burma gepackt wurden, dann nie zum Einsatz kamen, über die politische Wende 1989/1990 gerettet wurden und bis heute im Forschungsinstitut Senckenberg, Forschungsstation Quartärpaläontologie Weimar aufbewahrt und in unserer Ausstellung gezeigt werden (Foto: Kisten in Ausstellung). Die Partner in Vietnam wiederum stellten die Fahrzeuge, Boote, Feldküchen und bauten die Bambusunterkünfte. Insgesamt knapp 100 deutsche und vietnamesische Wissenschaftler, Fotografen, Grafiker, Präparatoren, Dolmetscher, Köche und Soldaten nahmen an den zwei Kampagnen von jeweils zwei Monaten teil und konnten insgesamt rund 100 Höhlen- und Spaltsysteme im nordvietnamesischen Karstgebiet prospektieren und z.T. genauer untersuchen. Dabei legten die einzelnen Forschergruppen unter schwierigsten Bedingungen zu Wasser und zu Land mehr als 7000 km zurück und dokumentierten eine reiche eiszeitliche Fauna, fanden fossile Menschenaffen (Orang Utan), die wider Erwarten noch nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit auf dem südostasiatischen Festland gelebt hatten – und bargen die ersten Reste fossiler Homininen Südostasiens überhaupt. Herausragend waren die Funde in der Hang Hùm Höhle. Ihre zwei fossilienführenden Fundschichten, die eine jungpleistozän, die andere spätpleistozän/frühholozän, gaben alles drei preis. Leider sind die Homininen-Zähne nicht mehr auffindbar, sodass sie der modernen Forschung nicht mehr zur Verfügung stehen. Das gesamte Fundmaterial wurde im Anschluss an die Expeditionen an das Archäologische Institut in Hanoi übergeben und bereits 1965 von Kahlke publiziert, womit er die Grundlage für weitere Quartärforschungen in der Region legte.

Hans-Dietrich Kahlke kehrte erst im Rahmen einer dreiköpfigen Delegationsreise im November/Dezember 1971 nach Vietnam zurück, wo er mit Vertretern des Archäologischen Instituts in Hanoi über quartärpaläontologische Probleme, die Auswertung von Grabungen und Möglichkeiten weiterer Projekte sprach. Keines der angedachten Projekte wurde danach in die Tat umgesetzt, sodass die Expeditionen von 1964 einmalig blieben.

G. Braniek, Hans-Dietrich Kahlke zum 70. Geburtstag. Lebenswerk und Bibliographie, Quartär 45/46, 1995, 237-250.

H.-D. Kahlke, Neue Funde von Urmenschen-Resten in Ostasien. Natur und Museum 95, 1965b, 109-115.

H.-D. KAHLKE, Pioniere im Dschungel: Die Vietnamesisch-Deutsche Quartär-Expedition 1964. In: A. Reinecke, Hrsg., Schätze der Archäologie Vietnams 2016.

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