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#KultBlick Blogparade

Wenn der Neandertaler auf die Couch darf, oder: Kultur-Schielen im smac

Dieser Artikel ist unser Beitrag zur Blogparade #KultBlick des Archäologischen Museums in Hamburg unter dem Titel „Verloren und wiedergefunden? Mein Kulturblick“. Für unseren Beitrag haben wir eine unserer AusstellungsmoderatorInnen um ihren ganz persönlichen Blick auf Kultur gebeten und hier ist er:

Oft tun wir uns schwer, wenn wir uns selbst beschreiben sollen. Bei anderen ist das einfacher, da haben wir Zeit zu beobachten, zu analysieren und zu verstehen. Wollen wir uns selbst beschreiben, wird es schon schwieriger. Da fragen wir gern andere oder haben länger nicht „nachgefragt“, bei uns selbst, weil wir meist in Eile sind oder auf andere Dinge blicken.

Umso gelegener kam mir selbst die Frage, wie eigentlich mein Blick auf Kultur ist, mein ganz persönlicher. Ich denke da an Kulturen anderer Länder, an Essens-Kultur, Kunst-Kultur und vielleicht sogar an so etwas wie Streitkultur. Auffällig ist, dass alle den Unterschied gemein haben und das macht es ja so spannend. Das Reizvolle ist das Andere, das Neue – manchmal ist auch genau das das Schwierige. Wenn es zu Missverständnissen kommt oder wir unterschiedliche Sichtweisen auf die Dinge haben. Das sind exakt die Punkte auf der Karte, wo wir bleiben müssen, die Punkte, an denen wir Rast machen, weil dort das Interessante auf uns wartet. Und wenn wir dann noch eine Portion Neugier und Offenheit mitbringen, kann das nur nützlich sein. Dann finden wir im Fremden vielleicht nicht erwartete Vertrautheit oder einfach gänzlich neue Informationen, auf jeden Fall aber einen Mehrwert.

Das Wort „Kultur“ ist groß. Die Kulturwissenschaft beweist das, ist der Kulturbegriff doch so mannigfaltig wie die Kultur selbst. Kultur kann all das sein, das künstlich hergestellt, also vom Menschen erschaffen wurde, oder auch eine Übereinkunft für bestimmte Handlungsweisen, die für einen bestimmten Personenkreis gelten. Das dürfen auch gern mal mehrere Millionen sein. Für mich ganz persönlich gehören der Kultur jene Dinge an, die mich durch die Welt tragen. Voll und ganz im metaphorischen Sinne. Ich spreche von jenen Dingen, die über die Grundbedürfnisse hinausgehen, also jene Dinge, mit denen ich mich gern in meiner Freizeit (und Arbeitszeit – siehe weiter unten) beschäftige und die mich über den Tellerrand blicken lassen. Dazu gehört zu einem großen Teil Musik, weil sie direkt ohne Umweg Emotionen auslöst, selbst gemacht, auf Konzerten oder einfach über Kopfhörer, sie gehört dazu. Dann wären da noch Bücher, weil sie mir manchmal einfach die Wortkombinationen aufzeigen, auf die ich nie gekommen wäre und somit schon immer Gedachtes nach außen bringen. Dazu gehören die Menschen, die ich liebe, obwohl sie gleichsam Grundbedürfnis sind, nämlich Familie und Freunde, weil ein Leben ohne sie nicht funktioniert. Und dazu gehört das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz, kurz smac.

2017_10_20_GastbeitragModeratorin

(c) smac | Foto: Annelie Blasko

Museen gehören schon seit meiner Kindheit zu meinen Lieblingsplätzen und eines hat es mir nun besonders angetan. Ich arbeite im smac bereits seit seiner Eröffnung im Sommer 2014 als freiberufliche Ausstellungsmoderatorin. Das denkmalsgeschützte Haus wurde 1930 als Kaufhaus eröffnet und hat in seinen 71 Jahren als eben jenes schon vieles gesehen. Nun aber beherbergt es also archäologische Schätze und stellt den Rahmen, die Hardware möchte man sagen, für meinen ganz persönlichen Blick auf Kultur. Ganz privat liebe ich „mein“ Museum. Ich liebe es, wenn am Morgen aufgeregte Schulklassen auf Einlass warten. Ich liebe es, wenn es im Haus nur so wimmelt. Ich liebe aber genauso die Ruhe, wenn ich das smac betrete, die Aufgeräumtheit, die klaren Strukturen, den Platz, das Licht. Ich liebe es, wenn Besucher zu zweit vor einer Vitrine stehen, das Kinn auf die Hand gestützt und sich mit unseren Vorfahren auseinandersetzen, wenn sie dabei versunken sind. Eben weil dieser Ort für mich nicht nur Arbeitsplatz ist, ist mein Kulturblick ein schielender.

Ein Auge schaut privat auf die Dauer- und Sonderausstellung(en), das andere professionell und die Folge ist ein sinnbildliches, zum Glück nicht tatsächliches Kultur-Schielen. Ich arbeite an dieser schönen Schnittstelle und zeige unseren Besuchern die Dauerausstellung, aber auch die Sonderausstellungen. Dabei schätze ich besonders, mit verschiedensten Menschen in Kontakt und folglich ins Gespräch zu kommen. Während der drei Jahre durfte ich auch erfahren, wie unsere Besucher auf Kultur blicken. Ältere Herrschaften, Grundschüler, Vereine oder Teenager, sie alle betreten unser Haus mit einer bestimmten Erwartungshaltung. Ist sie positiv, soll sie natürlich erfüllt und übertroffen werden. Ist sie eventuell im Reisebus innerhalb einer neunten Klasse entstanden, ist es immer wieder toll, wenn gezeigt werden kann, dass Archäologie weit entfernt von „verstaubt“ ist. Ich empfinde dabei immer jene Augenblicke als besonders schön, in denen wir innerhalb einer Gruppe anfangen zu vergleichen, vor allem mit uns heute und dann fällt auf einmal auf, dass die versteinerten Seeigel aus der Vitrine damals von den Neandertalern gesammelt wurden, weil sie sie ästhetisch und schön fanden. Das erinnert Kinder an den letzten Urlaub am Meer, von dem noch immer eine Muschel in der Jackentasche steckt oder eine Besucherin an das 59. Paar Schuhe daheim. Da ist der Neandertaler wohl doch nicht so weit entfernt? Einige Schritte weiter wartet dann der Gläserne Neandertaler auf uns, der wunderbar Unterschiede erkennen lässt. Was ist anders als beim Modernen Menschen? Längere Arme, breitere Nase, geringere Körpergröße…und auf einmal sehen wir nicht mehr Vitrinen, sondern wir sehen Menschen, eine lebendige Geschichte. Dann werden Fragen gestellt, ob wir dem Neandertaler vielleicht Unrecht tun, wenn wir ihn als aggressiv und ungeschickt beschreiben (mit Sicherheit!) und auf einmal steckt man mitten drin, in der (sächsischen) Menschheitsgeschichte, die hier auf drei Etagen in der Dauerausstellung behandelt wird.

Dieser berufliche Blick ist dabei immer auch ein privater Blick auf meine Museumskultur, weil ich einfach gern im smac bin. Während einer Führung vermittle ich Informationen, versuche zu begeistern und repräsentiere das Haus. Der private Blick lässt mich auch nach drei Jahren und vielen Führungen noch immer wieder als Besucherin das Haus betreten, denn der private Blick auf Kultur ist eben doch ein wenig anders als der berufliche. Dann schaue ich mir  die Ausstellung auch heute noch immer wieder in aller Ruhe an und beobachte die Reaktionen unserer Besucher. Mit nach Hause nehme ich auf jeden Fall immer viele Erfahrungen und Eindrücke, viele lustige Momente, weil man, egal ob mit Erwachsenen oder Jugendlichen und Kindern, den Humor immer im Gepäck hat und ich nehme den Neandertaler mit nach Hause, der bei mir im Wohnzimmer auf der Couch sitzt, weil ich es vollkommen wunderbar finde, wenn mein Blick auf Kultur im smac gleichermaßen beruflich und privat ist.

Freya Zschockelt

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5 Gedanken zu “#KultBlick Blogparade

  1. Tanja Praske schreibt:

    Liebe Freya Zschockelt,

    ein dickes Merci für diesen Einblick in Ihre Gedankenwelt zum #KultBlick, der so facettenreich wie die Kultur selbst ist!
    Ist ein Museumsbesuch nicht dann am intensivsten, wenn wir eigene Erinnerungen oder Gegenwartsbezüge über die Objekte zu unserer eigenen Wirklichkeit ziehen können? Kann es absolut nachvollziehen, wie es Sie als Vermittlerin begeistert, wenn eine 9. Klasse doch das Vorurteil der verstaubten Museumswelt aus Überzeugung revidiert .

    Nochmals Merci!
    Sonnige Grüße
    Tanja Praske

  2. Katrin Schröder schreibt:

    Wunderbar! Was für ein schöner und vielfältiger privater, aber auch beruflicher Kultblick!
    Wir freuen uns sehr über die Teilnahme anderer Museen an unserer Blogparade!
    Ein herzliches Dankeschön und viele Grüße aus Hamburg,
    Katrin Schröder, Archäologisches Museum Hamburg

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