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Der Tod in Niederkaina und der Welt

Am Donnerstag (16.11.2017) eröffnet unsere Sonderausstellung  Tod & RitualKulturen von Abschied und Erinnerung. Wir haben deshalb Jasmin Kaiser, eine der beteiligten KuratorInnen der Ausstellung aus dem Landesamt für Archäologie in Dresden, um den Eröffnungsbeitrag aus der Reihe rund um die Sonderausstellung gebeten. Sie erzählt in diesem Beitrag über die Idee und Konzeption der Ausstellung und verrät außerdem ein paar Höhepunkte.

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Jasmin Kaiser neben dem „Scheiterhaufen“ in der Ausstellung | Foto © smac – Annelie Blasko

Bereits als meine Kollegin Gabriela Manschus und ich die Chance erhielten, die Sonderausstellung  Tod & Ritual zu konzipieren, stand fest, dass das prähistorische Gräberfeld von Niederkaina der Ausgangspunkt sein sollte. Seit mehreren Jahren erforschen wir diesen außergewöhnlichen Bestattungsplatz in Sachsen. Es ist uns gelungen, die Entwicklung der Bestattungssitten über einen Zeitraum von 2000 Jahren nachzuzeichnen und komplexe Bestattungsrituale zu rekonstruieren.

In der Ausstellung zeigen wir, wie sich das Gräberfeld zwischen 2500 und 500 v. Chr. zu einer regelrechten Bestattungslandschaft mit 2000 Gräbern entwickelte und erzählen vom Leben und vom Tod der Menschen der Lausitzer und Billendorfer Kultur. Ihre Schicksale lassen sich noch heute an den verbrannten Knochen ablesen. Durch die anthropologischen Analysen wissen wir nicht nur, ob Männer, Frauen oder Kinder in den Urnen beigesetzt wurden, sondern auch, an welchen Krankheiten sie litten. Manchmal lassen sich sogar Hinweise auf Lebensbedingungen oder Todesursachen feststellen.

Der Hauptteil der Ausstellung ist den Bestattungsritualen gewidmet. Die Fürsorge der Niederkainaer für ihre Toten beeindruckt mich noch immer. So wurden die Verstorbenen mit Speisen und Gefäßen festlich auf dem Scheiterhaufen aufgebahrt. Die archäobotanische  Untersuchung der verkohlten Brösel war eine kleine Sensation. Denn es gelang der Nachweis der ältesten Nudeln der Welt. Aber auch Mohnbrötchen, Kasten- und Fladenbrote oder Hirsebrei wurde wie das Fleisch von Rindern und Schafen oder Ziegen mit den Toten verbrannt. Nach der Verbrennung stellten die Niederkainaer den Körper der Ahnen wieder her. Die Urnen wurden sogar angezogen, wobei eine Schmucknadel die Kleidung zusammen hielt. Dann setzten sie die Urne in einer hausartigen Grabkammer bei, die sie mit Ess- und Trinkgeschirr und einem Ofen einrichteten. Dass die Gräber später oft wieder geöffnet wurden zeigt, dass die Toten von Niederkaina mit der Schließung des Grabes nicht vergessen waren.

Bemerkenswert ist, wie hervorragend die Bestattungsrituale von Niederkaina in den alteuropäischen Kontext von Totenritualen, Vorstellungswelt und Symbolik eingebunden sind. Vieles, was der Dichter Homer um 720 v. Chr. in seinem Epos Ilias – das von der Belagerung Trojas um 1200 v. Chr. handelt – über die Bestattung  der altgriechischen Helden schreibt, findet in Niederkaina Parallelen.

Überhaupt geht die Ausstellung weit über das Gräberfeld von Niederkaina hinaus. Beispiele aus Archäologie, Ethnologie und Gegenwart zeigen den vielfältigen Umgang mit dem Tod in der Welt. Während der Recherche waren wir selbst erstaunt, dass verschiedene Aspekte des Totenrituals und bestimmte Jenseitsvorstellungen über große Räume und während verschiedener Epochen der Menschheitsgeschichte immer wiederkehren. Als Beispiel sei an dieser Stelle die enorme soziale Bedeutung von Totenaufbahrung und Leichenzug in nahezu allen Kulturen genannt oder die auf allen Kontinenten verbreitete Idee der Jenseitsreise über das Wasser. Derartige ähnliche Phänomene erlauben durchaus unterschiedliche Deutungen und haben nicht immer den gleichen Ursprung. Doch sind sie es, die vielleicht dem Wesen des Menschen – im Zusammenhang mit der Reflexion über den Tod – nahe kommen. Denn Rituale zeugen vom Schmerz der Hinterbliebenen, ihrer Sorge um die Toten und ihren Hoffnungen.

Manche vorgeschichtliche oder ethnologische Rituale erscheinen uns heute fremd und befremdlich. Hierzu gehört das Ausgraben und Bearbeiten von menschlichen Knochen zur Ahnenverehrung. Doch sind solche Praktiken auch aus unserem Kulturkreis bekannt. Man denke nur an den Reliquienkult im Zusammenhang mit der Verehrung von Heiligen in der katholischen Kirche.

Die Ausstellung beginnt mit Pressebildern zur Trauer, die die Aktualität des  Themas zeigen. Der letzte Teil der Ausstellung schlägt dann den Bogen wieder  in die Gegenwart. Unser Umgang mit dem Tod unterscheidet sich deutlich von dem alter und traditioneller Kulturen. Wir zeigen die Entwicklungen, die zu unserem heutigen Verständnis führten. Von den Besuchern möchten wir wissen, wie sie diese Veränderungen beurteilen.

Bevor die Ausstellung am Donnerstag ihre Pforten öffnet, arbeiten wir alle noch fieberhaft an der Vorbereitung. Die letzten Vitrinen sind zu bestücken und Ausstellungstexte zu kleben. Beim Blick in die Räume freue ich mich aber über die großartige Wirkung der fast 700 Exponate im modernen und etwas geheimnisvollen Ausstellungsdesign. Ich will noch nicht zu viel verraten, aber wir haben eine Vielzahl ganz besonderer Ausstellungsstücke gewinnen können. Hierzu gehören die Originalfunde des Königsgrabs von Seddin, ein wunderschöner ägyptischer Mumiensarg und ein kunstvoll geschnitztes Knochenhäuschen von der Insel Borneo. Da Bestattungsrituale nicht nur anhand von Exponaten dargestellt werden können, erwarten den Besucher auch Animationen, Installationen, eine Hörstation und ein Film.

Jasmin Kaiser

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2 Gedanken zu “Der Tod in Niederkaina und der Welt

  1. Miss Jones schreibt:

    Hey!
    Ein wahnsinnig interessantes Thema für eine Ausstellung. Vielleicht schaffe ich es ja endlich mal ins SMAC zu fahren. Aus meiner Perspektive nach „Weit-Weit-Weg“.
    Aber ein bisschen merkwürdig finde ich es schon, wenn man das Thema Tod als „aktuell“ bezeichnet. Es ist ja kein neues Thema, solange es das Leben gibt, gibt es auch den Tod. Damit ist das Thema immer da, aber ist es auch immer aktuell?

    philosophische Grüße
    Miss Jones

  2. Annelie Blasko schreibt:

    Guten Morgen,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Komm ruhig mal nach „Weit-weit-weg“, es lohnt sich :). Auf Deine Frage wird die Kuratorin und Autorin des Artikels, Jasmin Kaiser, sicherlich gern selbst antworten wollen. Sie befindet sich aber im Moment in ihrem wohlverdienten Urlaub und wird antworten, sobald sie zurück ist, ich leite weiter!

    Viele Grüße aus dem smac und bis bald, ja?
    Annelie

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