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Totensonntag – ein Spaziergang

Dieser Artikel gehört zur Reihe Tod & Ritual und begleitet die gleichnamige Sonderausstellung, die noch bis 21.05.2018 in Chemnitz zu sehen ist. Bereits erschienen ist der Eröffnungsartikel von Jasmin Kaiser zur Ausstellung. 

Totensonntag

Foto © smac | Annelie Blasko

Es ist kalt. Ein eisiger Wind weht heute über den langen Weg bis zur Kirche im Chemnitzer Stadtteil Hilbersdorf, in der ich heute den Gottesdienst besuchen werde. Es ist Totensonntag, der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Bereits seit einigen Tagen – und heute besonders – wird über diesen sogenannten „stillen Gedenktag“ berichtet, wird erklärt, warum es ihn gibt.[1] König Friedrich Wilhelm III. von Preußen legte ihn 1816 per Verordnung für die evangelische Kirche als allgemeinen Feiertag für die Verstorbenen fest, die anderen Länder zogen später nach. Warum genau er diesen Feiertag schuf, ist nicht bekannt. Bereits seit dem Mittelalter waren die letzten Sonntage des Kirchenjahres liturgisch auf die Themen Tod, Jüngstes Gericht und ewiges Leben ausgerichtet gewesen. Auch in der katholischen Kirche existierte mit dem Allerseelenfest am 2. November bereits seit dem 11. Jahrhundert ein Gedenktag. Während am Vortag, an Allerheiligen derjenigen gedacht wird, die „durch ihre Lebensheiligkeit und Vorbildheiligkeit in der Kirche herausragten“[2], ist Allerseelen für jene reserviert, die in ihrem Leben diesen Status der Heiligkeit nicht erlangen konnten, alle armen Seelen. Doch der Totenkult der katholischen Kirche wurde von den Reformatoren abgelehnt und deshalb ein eigener Gedenktag geschaffen. Er wurde in einer Zeit verbindlich festgelegt, in der Krieg und Krankheit Alltag waren, in der Tod und Leben näher beieinander standen, als das heute der Fall ist.

Der Gottesdienst beginnt. Orgelmusik, schwer, kraftvoll, einschüchternd. Einzig der letzte Akkord, in Dur aufgelöst, nimmt kurz die Schwere. Die Pfarrerin begrüßt die Gemeinde. Es sind vor allem Ältere gekommen, nur zwei Kinder sind in den Reihen. Für sie wird dieser Gottesdienst nicht geeignet sein. Warum eigentlich? Gemeinsame Kirchenlieder aus dem Gesangbuch, alle kreisen um die Liebe und Güte Gottes in Zeiten von Trauer und Not.

„Auf meinen lieben Gott trau ich in Angst und Not; der kann mich allzeit retten aus Trübsal, Angst und Nöten, mein Unglück kann er wenden, steht alls in seinen Händen. […] Ob mich der Tod nimmt hin, ist Sterben mein Gewinn und Christus ist mein Leben; dem tu ich mich ergeben; ich sterb heut oder morgen; mein Seel wird er versorgen.“ [3]

In der Predigt erzählt die Pfarrerin von dem Moment, als sie im Jugendalter in der Wohnung der kürzlich verstorbenen Großmutter steht und die Stille wahrnimmt. Sie schaut sich um und sieht: Staub. Er bedeckt Möbel und Kleidung, ihre Seite des noch bezogenen Bettes. Der Staub der Trauer auf der Seele ist das metaphorische Bild, das den Rest der Predigt durchzieht. Der Staub der Trauer wird feiner, weniger, aber er bleibt. „Asche zu Asche. Staub zu Staub. Aus der Erde sind wir genommen, zur Erde sollen wir wieder werden.“ Die liturgischen Formeln aus der Bestattungszeremonie sind eine Erinnerung an den Kreislauf, das Ewige, in dessen Mitte wir Lebenden uns befinden. Wir Lebende in den Kirchenbänken können hoffen, sollen hoffen. Dass es weitergeht und wir nicht vergessen werden, wenn wir nicht mehr sind. Zentraler Bestandteil des Gottesdienstes ist deshalb die Nennung derer, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr innerhalb der Gemeinde gestorben sind oder christlich bestattet wurden. Eine Kerze wird entzündet und eine gute Viertelstunde werden Namen verlesen, von denen die meisten wie kleine Gedichte klingen, weil sie aus Zeiten stammen, wo man mindestens zwei Vornamen hatte. Margarete Johanna Böhler. Karl Gottfried Ernst. Dazwischen singt die Gemeinde immer wieder:

„Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht: Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht. Auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.“[4]

Anschließend feiert die Gemeinde Abendmahl. Alle halten sich in einem großen Kreis an den Händen und versichern sich gegenseitig ihre Nähe zueinander und zu Gott. Orgelmusik, schwer und unruhig. Der Gottesdienst ist zu Ende. Wer möchte, kann sich noch eine Grabkerze abholen und zum Friedhof gehen.

Ich habe eigene Kerzen dabei. Der Wind ist noch schärfer geworden. Obwohl die Sonne scheint, ist es eisig auf dem angrenzenden Friedhof. Unmengen Menschen sind unterwegs und stehen an den Gräbern ihrer Verwandten. Meine beiden Großväter liegen hier begraben, an beiden Gräbern stelle ich ein Licht auf. Es ist fast nicht zu erkennen in der strahlenden Sonne. Erst, wenn die Dämmerung am späten Nachmittag kommt, wird der Friedhof wie ein Lichtermeer leuchten und zeigen, wie viele Menschen heute – am Ewigkeitssonntag, wie der Totensonntag in der evangelischen Kirche vorwiegend genannt wird – tatsächlich auf dem Friedhof ihrer Verstorbenen gedacht haben. Die Lichter stehen für diese Ewigkeit, denn sie weisen „auf die alte Gebetsbitte hin, den Verstorbenen möge das ewige Licht leuchten.“ [5] Ich bleibe nicht lange stehen, der Wind ist zu kalt, um zu verweilen und die Gedanken schweifen zu lassen; um zu gedenken.

Grab

Foto © smac | Annelie Blasko

Dass der Totensonntag uns einen Tag vorgibt, an dem wir bewusst etwas tun sollen, das so emotional und persönlich ist, dass es sich eigentlich nicht erzwingen lässt, ist seit Einführung des Gedenktages Gegenstand kritischer Auseinandersetzung gewesen. Das humoristisch-satirische Wochenblatt Kladderadatsch verweist in der Ausgabe vom Dezember 1905 in der Rubrik „Briefkasten“ auf den Lüneburger Anzeiger vom Totensonntag. Dort war folgende Annonce abgedruckt worden:

„Café Wienecke empfiehlt zum Totensonntag 20 verschied. Torten und Auffschnitt (sic!), Bouillon mit Pasteten, ff. Butterkuchen u. Kaffeekränze, vorzügl. Likör=Mischungen. […]“

Darauf kommentiert der Redakteur: “Jawohl, gerade am Totensonntag verlangen die Lebenden etwas zum Trost.“ Mit diesen Worten im Sinne mache ich mich auf, zurück in eine tröstend warme Stube.

Annelie Blasko

 

[1] Siehe z.B. http://www.mdr.de/religion/religion/totensonntag120.html (zuletzt abgerufen: 26.11.2017)

[2] Becker, Karl Friedrich (1994) Frieden – Umkehr – Heimkehr: die letzten Wochen des Kirchenjahres. Vandenhoeck&Ruprecht. S. 154

[3] Evangelisches Gesangbuch, Nr. 345; Melodie: Jakob Regnart 1574.

[4] Aus dem evangelischen Gesangbuch, Nr. 576; Text: Katalanischer Spruch nach Jesaja 12,2; Melodie und Satz: Jacques Berthier, Taizé 1989.

[5] http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/mitten-im-leben-vom-tod-umfangen (zuletzt abgerufen: 26.11.2017)

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3 Gedanken zu “Totensonntag – ein Spaziergang

  1. Kathrin schreibt:

    Ein Artikel, der zum Nachdenken anregt.
    Ich habe mich am vergangenen Totensonntag bewusst nicht auf den Friedhof begeben. Bin ich deshalb jemand, der weniger trauert, nur weil er den quasi von oben verordneten Friedhofsbesuch an diesem Tag nicht absolviert?
    Der Totensonntag wird inzwischen ebenso kommerzialisiert wie das Weihnachtsfest,
    in jedem Discounter liegt schon Wochen vorher Grabschmuck, der die Grenze zum Kitsch bereits überschritten hat und Blumenhändler reiben sich die Hände wie am Valentinstag.
    Wenn ich die Gräber meiner verstorbenen Angehörigen besuche, dann an einem anderen stillen Tag im November.
    Und wenn ich einen Strauß Rosen auf das Grab lege, gefällt mir die Vorstellung, dass, wenn alle abends den Friedhof verlassen haben, ein Reh an das Grab tritt und vorsichtig an den Blüten knabbert…..

    • Annelie Blasko schreibt:

      Was für ein schönes Bild, vielen Dank für diesen Kommentar. Das Geschäft mit dem Tod (aber ebenso mit der Liebe) hat immer einen faden Beigeschmack und sicherlich ist es absolut in Ordnung, diesen Aspekt bewusst zu boykottieren. Wichtig sollte sein, DASS man gern seiner Lieben gedenkt. Und weniger WANN. Viele Grüße aus dem smac

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