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Vergiss mein nie – ein Interview mit zwei Trauerbegleiterinnen

Das Bild zeigt Madita van Hülsen und Anemone Zeim von Vergiss mein nie

Madita van Hülsen (l.) und Anemone Zeim (r.) von Vergiss mein nie | © Ilona Habben

Dieser Artikel gehört zur Reihe Tod & Ritual und begleitet die gleichnamige Sonderausstellung, die noch bis 21.05.2018 in Chemnitz zu sehen ist. Bereits erschienen sind der Eröffnungsartikel von Jasmin Kaiser zur Ausstellung und der Artikel Totensonntag – ein Spaziergang.

Anemone Zeim und Madita van Hülsen sind ausgebildete Trauerbegleiterinnen und haben sich mit Vergiss mein nie den Traum von einer eigenen Agentur für Trauerbegleitung mit angeschlossener Erinnerungswerkstatt erfüllt. Und schon mit dem Wort Erinnerungswerkstatt zeichnet sich ab, dass die beiden einen wunderbar kreativen und auch produktiven Umgang mit Trauer und Tod suchen. Wir haben die beiden jungen Damen aus Hamburg deshalb um ein Interview gebeten.

1. Was genau können wir uns unter dem Berufsbild TrauerbegleiterIn vorstellen? Wie sieht ein typischer Arbeitstag für Euch aus?

Anemone Zeim:
Wir sagen: Wer trauert, ist nicht krank. Aber wir haben verlernt, zu trauern. Wir verstehen diese Gefühlswelt nicht mehr. Das macht uns Angst. Als Trauerbegleiter geben wir Orientierung in einer Situation, wo einem Menschen durch den Tod der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Wir begleiten den Entwicklungsprozess in einen neuen Alltag und fördern Ressourcen, die dem Trauernden dabei helfen, einen neuen Lebensweg zu entwickeln. Konkret sieht das so aus: Menschen in jedem Alter kommen zu uns, weil sie nicht mehr weiter wissen. Sie wünschen sich „Machen Sie die Trauer weg“ oder „Ich will nicht mehr weinen“ von uns. Wir klären dann erst einmal auf, dass die Trauer ein wichtiges Gefühl ist, das die Intensität der Liebe widerspiegelt, so  wie Liebeskummer zum Beispiel. Und dass sie den Schmerz heilen kann, wenn man zum Beispiel  das Weinen zulässt. Aber dass es natürlich im Alltag Situationen gibt, in denen man nicht Weinen kann oder darf.  Wir stellen sozusagen Kontakt zu den Gefühlen her und ermutigen unsere  Klienten, „voran-zu-trauern“. Das machen wir oft mit kreativen Situationen wie malen, basteln, schreiben – um dem Verstand ein Schnippchen zu schlagen.

Madita van Hülsen:  
Man könnte auch sagen: Wir sind so etwas wie der ADAC. Wir sind das Starterkabel, wir
geben Impulse, wenn der Trauernde nicht mehr weiter weiß. Wir sind die Leitplanke an kritischen  Stellen. Wir helfen schieben, wenn es mal sehr anstrengend wird. Wir machen Fernlicht an, wenn man vor lauter Dunkelheit nichts mehr sehen kann. Ein typischer Arbeitstag beinhaltet vor allem sehr viele tolle Lebensgeschichten.

2. Wenn Ihr Euch einen „anderen Umgang mit Leben, Tod und Trauer“ wünscht, was heißt das?

Anemone:
Trauer und Tod sind Lebensthemen. Wer geboren wird, geht diese Abmachung mit dem Leben ein, dass man irgendwann auch wieder gehen muss. Schwierig wird es, wenn die unausgesprochene Reihenfolge durcheinander gerät und Kinder beerdigt werden müssen. So ein Schicksalsschlag benötigt Wissen über Trauer, Geduld und gute Ressourcen. Das alles ist in unserer Gesellschaft nicht mehr vorhanden, weil der Tod und seine Rituale outgesourct worden sind. Wenn wir sagen, wir brauchen einen anderen Umgang, dann meinen wir: Wir brauchen Rituale. Wir brauchen Wissen, denn mehr Wissen macht weniger Angst. Wir brauchen eine Stimme und eine Bühne.  Wir brauchen einen Plan. Es ist ein Lebensthema, und es kommt zu jedem, und dann ist es gut um seine Ressourcen, Ideen und Gefühle bei diesem Thema zu wissen. Wir wollen die Trauernden wieder mündig machen, denn um seine Bedürfnisse zu wissen, ist ein wichtiger Schritt,  um aus dem Trauermonster einen Freund und Beschützer zu machen.

Madita:
Der Tod ist nicht nur trist und grau. Wenn man es schafft zu erkennen, dass die Trauer viele Schattierungen hat und alle eine Daseinsberechtigung haben, dann hat man die Chance „voran-zu-trauern“. Konfetti auf einer Beerdigung, das geht, wenn es zu dem Verstorbenen passt. Uns ist es wichtig, die Möglichkeiten aufzuzeigen, einen Raum für Fragen zu stellen, uns diesen Themen angstfrei und neugierig zu nähern.

3. Zusammen mit Trauernden stellt Ihr Erinnerungsstücke her. Könnt Ihr kurz erklären, was genau Ihr dort macht und welche Bedeutung Erinnerungsstücke für Eure Arbeit haben?

Anemone:
Wir haben festgestellt, dass es viele Dienstleistungen rund um das Thema Tod und Trauer gibt, aber keine, die sich um das kümmert, was man als Trauernder behalten darf: die Erinnerung an den Verstorbenen. In diesem Erinnerungsprozess steckt eine Menge Kraft und Energie. Wir machen Erinnerungsstücke aus Dingen, die jede Menge Energie gespeichert haben, diese aber noch nicht hergeben. Ein Pullover beispielsweise, handgestrickt von der Mutter ist der Tochter viel zu altmodisch, trotzdem hat sie ihn nach dem Tod der Mutter mitgenommen. Jetzt liegt er in ihrer Wohnung, in ihrem Leben und schaut sie vorwurfsvoll an. „Memento Mori“ nennen wir das: Der Pullover ist eigentlich nicht zu gebrauchen, sie kann ihn aber auch nicht wegwerfen, er ist kostbar, weil er sie mit der Mutter verbindet. Gleichzeitig macht er ein schlechtes Gewissen, weil sie nichts damit macht und sich aber auch in ihrer Trauer gefühlt von der Mutter fortbewegt. Diesen Pullover haben wir aufgetrennt und zu einem Schal gestrickt. Das Material, der Geruch, die Haptik ist die gleiche – nur die Form nun eine andere. Die Tochter kann den Schal nun in ihren Alltag integrieren und ihre Erinnerung leben. Das ist der Unterschied zu einem Staubfänger, der nur dekorativ in der Ecke steht und keinerlei Kraft spendet.

Madita:
Das Besondere und  Beeindruckende ist der Prozess bis zum fertigen Erinnerungsstück. Also wir sprechen sehr intensiv mit den Klienten, bis wir einen Eindruck haben, was wichtig ist – wo die Kraft stecken könnte. Viele Klienten bringen sehr viele Dinge mit, dann ist unser erster Schritt das oder die Stücke zu finden, die besonders wichtig sind. Oft ist das den Klienten gar nicht so bewusst. Der beste Teil der Arbeit ist aber auch die Übergabe. Oft fertigen wir die Stücke an und der Klient sieht es dann erst bei der Übergabe. Ein berührender Moment: Eine Frau, deren Erinnerungen wir in einem Fahrtenbuch des Lebens für ihren Vater festgehalten hatten, sagte mit Freudentränen in den Augen als sie das Buch in den Händen hielt „Das ist Papa. Es ist als hättet ihr ihn gekannt.“ Das ist für uns natürlich eine unfassbar schöne Arbeit.

Das Bild zeigt ein fertiges Stück aus der Erinnerungswerkstatt, ein Einweckglas mit einer Art Diorama darin.

Ein fertiges Erinnerungsstück aus der Werkstatt | © M. van Hülsen und A. Zeim

4. Kinder haben ihre ganz eigene Art, mit dem Tod umzugehen. Arbeitet ihr mit Kindern und wenn ja, welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

Anemone:
Ja, wir arbeiten auch mit Kindern. Wir schulen andere Trauerbegleiterinnen zum Beispiel in kreativer Prozessbegleitung und das ist dann insbesondere in der Arbeit mit Kindern noch einmal eine ganz andere Erfahrung. Kinder werden oft geschützt, verstehen aber oft ganz genau was los ist und können sich ihre Trauer auch ganz gut dosieren. Das kann bedeuten, ein Kind steht mitten im Gespräch oder einer Aktivität auf und geht weg. Das ist dann kein Boykott sondern das Kind hat genug und muss verarbeiten. Hier kommen oft die Eltern mit Leistungsdruck und verlangen Ergebnisse – was beim Trauern natürlich nicht möglich ist. Die Arbeit mit Kindern ist irgendwie zeitlos, finde ich. Manchmal passiert ganz lange nichts und dann, plötzlich legen sie los und leben ihre Trauer aus. Wir machen dann natürlich gestalterische, kurze Begleitungen, ganz anders als bei Erwachsenen. Kinder haben ihre Erfahrungen und Erinnerungen und die sind ihnen auch wichtig. Diesen Dingen Raum und Zeit und Geduld zu geben kann eine Trauer ganz erlebnisreich machen und die Kinder für die Zukunft stärken.

Madita:
Ich arbeite supergerne mit Kindern, weil mein inneres Kind sich gut in diese teils ganz fantastische Welt reinversetzen kann. Ich halte auch Trauerreden für Kinderbestattungen und bin jedesmal überrascht, was da alles „schönes“ passieren kann, wenn man sich auf die Kinderwelt einlässt: Konfetti, Fragen und ein ganz naiver Umgang mit dem Tod können auch bei uns Erwachsenen eine neue, heilsame Perspektive aufmachen. Zum Beispiel haben wir neulich Mobiles gebastelt, aus Dingen, die die Kinder in ihrem Alltag gefunden und mitgebracht haben. Das scheint erstmal willkürlich zu sein, aber jedes Mobile hatte direkt etwas mit dem Verlust zu tun. Und so kamen wir über das Tun spielerisch ins Gespräch, selbst mit Kindern die davor sehr verschlossen waren.

5. Wer beruflich ständig mit dem Tod zu tun hat, beschäftigt sich sicher auch selbst hin und wieder gedanklich mit der eigenen Beerdigung. Habt Ihr besondere Vorstellungen von – oder spezielle Wünsche an dieses Ereignis?

Anemone:
Für mich ist das momentan ein Fest der Angehörigen. Obwohl – ein, zwei Dinge würde ich mir glaube ich wünschen:  Musik, Blumen, ein Alpaka, viel Natur. Ich glaube aber, das kriegen meine Liebsten hin. Madita, du hast doch neulich deine Beerdigung geplant?!

Madita:
Ein paar meiner speziellen Wünsche habe ich bereits beim Bestatter festgehalten. Das würde ich sowieso jedem raten, sich einfach mal auf die Suche nach „seinem Bestatter des Vertrauens“ zu machen, um sich zu informieren. Ich selber versuche mir einmal im Jahr die Zeit zu nehmen und darüber nachzudenken, ob sich meine Wünsche eventuell geändert haben oder ob ich vielleicht noch konkretere Vorstellungen habe. Ich habe zum Beispiel noch keine Wahl für einen Friedhof getroffen, obwohl ich weiß, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt gerne eine Erdbestattung hätte. Man kann vielleicht auch gar nicht alle Fragen klären, aber für mich ist es erleichternd ein paar Dinge festgehalten zu haben. Ich möchte nämlich auf jeden Fall Konfetti auf meiner Beerdigung.

Interview: Annelie Blasko

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