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Wie digital sollten Museen sein?

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© smac, Michael Schmidt

Diese Frage hat Thorsten Beck von MUSEUM BECK.STAGE gestellt und zur Blogparade aufgerufen.  4 Fragen präzisieren, was sich die meisten Museen seit einiger Zeit ohnehin fragen (sollen):

1. WELCHE DIGITALEN ANGEBOTE SOLLTE JEDES MUSEUM MACHEN?
2. SIND MUSEEN OHNE DIGITALE ANGEBOTE HEUTE NOCH WETTBEWERBSFÄHIG?
3. WAS MACHT EIN ÜBERZEUGENDES DIGITALES PROFIL AUS?
4. WIE STELLST DU DIR DAS DIGITALE MUSEUM DER ZUKUNFT VOR?

In diesem Blogbeitrag gehen wir diese Fragen mit verstohlenem Blick auf ein Buch auf den Grund, das seit einiger Zeit im Kopf der Autorin spukt: „Das totale Museum“ von Christian Welzbacher (2017). Nach der Lektüre dieses Buches geht es einem schlecht, richtig schlecht. Zumindest, wenn man in einem Museum arbeitet, denn offenbar ist das Museum ein „Ort permanenten Ausnahmezustands, kontinuierlichen Umbruchs und der Krise“* .

Das Museum als direkter Nachfolger der Kunstkammer der Renaissance war einst eine bürgerliche Bildungsanstalt. Statt wie die Kunstkammer Macht und Wissen an einem Ort zu bündeln, einzig um dem Auftraggeber und Sammler als Repräsentationsort zu dienen und seine Stellung zu festigen, sollte das Museum des 18. Jahrhunderts diese Bündelung lösen und das Wissen gleichmäßig über das Volk „verteilen“. Von diesem humanistischen Anspruch auf Bildung für alle ist nach Welzbacher nicht sonderlich viel übrig geblieben, denn für ihn ist das Museum zum Warenhaus verkommen: „statt Weltwissen zu vermitteln, wird es vom Museum verkauft“* . Mit einer perfekt ausgebauten Infrastruktur aus Shop, Café, Führungen, Workshops, Vortragsreihen und Kindergeburtstagen versucht es die vorgegebenen Besucherzahlen zu optimieren und verliert dabei den Inhalt aus den Augen. So ist das Museum ein Paralleluniversum , ein Ort, der Objekte ihrem natürlichen Umfeld entreißt, kontextualisiert, mit Informationen anreichert, ordnet und vermarktet. „Der Besucher wird nahezu ständig manipuliert“*, sei es durch moderne Architektur, die ihn in die Ausstellung ziehen soll oder durch flimmernde Bildschirme, die ihn hypnotisieren. So schlecht wie es dem Museum geht, so schlecht geht es (mindestens) auch dem Besucher. Weil er nicht länger Mensch ist, er ist Kunde, User, Prosument und Produser. Für Welzbacher die totale Entfremdung.

Puh. Es ist alles ganz furchtbar.

Spätestens an diesem Punkt möchte man die Digitalisierung nehmen, in eine kleine schwarze Kiste stecken und dann im Kleiderschrank ganz hinten einsortieren. Wird die Digitalisierung diese beklagte Entfremdung vorantreiben? Sind wir dabei, den Bogen zu überspannen?
Die Digitalisierung kommt nicht, sie ist bereits da. Die Fragestellungen im Aufruf zur Blogparade zeigen das sehr schön, denn als Museen und Kultureinrichtungen müssen wir uns offenbar fragen, wie wir auf diesen riesigen technologischen und gesellschaftlichen Umbruch reagieren, der um uns herum stattfindet..

In den Antworten auf Frage 1 WELCHE DIGITALEN ANGEBOTE SOLLTE JEDES MUSEUM MACHEN? bildet sich ein gemeinsamer Nenner heraus: Die eigene Webseite, responsiv, intuitiv bedienbar und umfassend informativ, ist das digitale Minimum, das ein Museum bieten sollte. Denn ohne Webauftritt ist man schlicht nicht mehr auffindbar. Direkt danach kommt der Facebook-Auftritt. Ein kurzer Blick in den D21-Digital-Index zeigt: Facebook ist mit großem Abstand die Nummer 1 der sozialen Medien in Deutschland. Wer mit einem ausreichend großen Besucherkreis keinen Platz auf Facebook beansprucht, bekommt ihn früher oder später einfach inoffiziell zugewiesen. Benutzer richten Seiten für Unternehmen ein, wenn sie ihnen fehlen.

2. SIND MUSEEN OHNE DIGITALE ANGEBOTE HEUTE NOCH WETTBEWERBSFÄHIG?

Ohne die beiden eben erläuterten Grundpfeiler digitaler Kommunikation sicher nicht. Allerdings mit dickem Hinweis auf das Wort „Kommunikation“. Digitalisierung zieht sich durch viele Bereiche und die Kommunikation ist nur einer von ihnen. Wollen wir gefunden und gehört werden, müssen wir im Internet vertreten sein. Doch ein digitales Angebot umfasst so viel mehr als das. Und hier fängt die Utopie an, die wir Welzbachers dystopischer Museumswelt gegenüberstellen sollten. Museen dürfen, sollen und müssen in Zukunft wieder selbstbewusster das sein, was sie ursprünglich waren: ein Ort mit einer moralischen (Bildungs-)Funktion. Ein Ort kultureller Selbstreflexion für JEDEN Menschen dieser Gesellschaft im Umbruch. Digitalisierung sollte nicht etwas sein, worauf wir überstürzt und wiederwillig reagieren, damit die Zahlen stimmen. Als Museen sollten wir erst das Minimum digitaler Kommunikation (s. o.) bieten und uns dann spielerisch (!) und jeder nach seinen Möglichkeiten an ein darüber hinausgehendes Angebot wagen.

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© smac, Michael Schmidt

3. WAS MACHT EIN ÜBERZEUGENDES DIGITALES PROFIL AUS?

  • Ressourcen. Ohne digital versierte Menschen gibt es keine Digitalisierung. Ohne Stellen und Mittel gibt es wiederum diese Menschen und ihre Ideen nicht.
  • Nahbarkeit. Wir befinden uns mitten in einem riesigen Umwälzungsprozess. Vor unseren Augen entstehen neue Möglichkeiten, Wissen zu vermitteln, darzustellen und sich zu vernetzen. Reden wir darüber. Untereinander und mit den Besuchern, die wir erreichen wollen. Auch wenn wir ab und zu scheitern.
  • Reflexion. Digitalisierung ist wichtig und sehr präsent. Sie wird das Meiste von dem ändern, wie wir bisher leben und zwar in kurzer Zeit. Aber bitte vergessen wir nicht: wir gestalten sie selbst jetzt in diesem Moment. Wir haben die Zeit, uns kurz zurückzulehnen und zu fragen, was wir da eigentlich tun.

4. WIE STELLST DU DIR DAS DIGITALE MUSEUM DER ZUKUNFT VOR?

Das Museum der Zukunft hat einen digitalen Raum, der einen „Besuch“ für jeden Menschen möglich macht, egal an welchem Ort der Welt er sich befindet, welche Sprache er spricht oder welche Vorkenntnisse er hat. Das digitale Museum der Zukunft baut Barrieren ab und befreit Museen von ihrem staubigen Nicht-Anfassen-Image oder dem Vorurteil, ein Ort zu sein, an dem Gebildete ganz still unter sich noch gebildeter werden. Es lässt uns Exponate virtuell von allen Seiten und in ihrem Kontext bestaunen und lädt trotzdem dazu ein, es mit eigenen Augen sehen zu wollen und die „heilige Aura“ des Echten zu genießen. Das digitale Museum der Zukunft hat nicht vorrangig das Ziel, jeden Besucher so gut zu kennen, dass es ihm etwas bestmöglich verkauft. Es erleichtert ihm vielmehr den Zugang zu den Inhalten, die wir – analog wie digital – für ihn täglich konservieren, ordnen und bereitstellen.

*Christian Welzbacher (2017): Das totale Museum. Matthes & Seitz Berlin

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