Zurück

Vom Schocken-Lieferwagen zum Stromlinienbus Flöha

Am 16. April 2017 erwähnte ein langer Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit der Headline „Der größte Autoraub aller Zeiten“ einen eiförmigen Stromlinienbus im Deutschen Technik Museum Berlin, der auf dem Chassis eines Opel Blitz gebaut sei. Dieses Fahrgestell habe zuvor dem Chemnitzer Kaufhaus Schocken gehört.

Kaufhaus Schocken? Momentchen. In diesem wunderschönen Gebäude der klassischen Moderne ist doch unser Archäologiemuseum beheimatet.
Tatsächlich halten wir große Stücke auf die wechselvolle Geschichte unseres Museumsgebäudes.

_MJ_1014

Erkerausstellung zum Schocken-Kaufhauskonzern im smac | © smac, Michael Jungblut

Es lag also nahe, dass sich unsere Museumsdirektorin Sabine Wolfram gleich ans Telefon klemmte und das Berliner Technik Museum bat, das Gefährt in Chemnitz zeigen zu dürfen. Kein Problem! …oder? Oh doch, denn bei der weiteren Planung stellte sich heraus, dass wir den Omnibus nicht wie geplant in unserem Foyer zeigen können, da er mit seinen rund 7 Metern Länge und 2,50 Meter Höhe und Breite nicht durch die Türen des Museums passt.
Also fragte Frau Wolfram beim Chemnitzer Straßenbahnmuseum an, ob es dort eine Unterstellmöglichkeit gäbe. Und tatsächlich rollte der Stromlinienbus „Flöha“ am 2. Mai 2018 aus dem LKW in die Museumshallen an der Zwickauer Straße.

IMG_5875_Anlieferung

Der Stromlinienbus hat den Transport vom Deutschen Technikmuseum Berlin ins Straßenbahnmuseum Chemnitz gut überstanden | © smac, Sabine Wolfram

Doch nun zu der kuriosen Geschichte dieses Gefährts. Im Jahr 1988 gelangte der Stromlinienbus – oder das was zu diesem Zeitpunkt von ihm übrig war – über das Stasi-Unternehmen „Interport“ und einen Berliner Antiquitätenhändler in das damalige Museum für Verkehr und Technik nach Berlin.
Anfang der 1990er kam dann alles ins Rollen: Eine Werkstatt in Wilhelmshafen traute sich die Restaurierung des Omnibusses zu. Letztendlich dauerte die komplette Restaurierung acht Jahre und, wenn man ehrlich, ist: So richtig fahrtüchtig ist der Stromlinienbus immer noch nicht. Aber rein theoretisch ist er heute im Stande, sich fortzubewegen.

Blog_Stromlinienbus_Bild-03a

Zustand des Stromlinienbusses vor der Restaurierung … | © SDTB

Blog_Stromlinienbus_Bild-03b

… und nach der Restaurierung | © smac, Annelie Blasko

Parallel zur Restaurierung recherchierte man die Geschichte des Stromlinienbusses. Ein Aufruf in einer Oldtimer-Zeitschrift brachte den entscheidenden Hinweis: Ein gebürtiger Sachse, der inzwischen in Hamburg wohnt, erinnerte sich an einen entsprechenden Omnibus aus Flöha. Und tatsächlich: Beim Abschleifen mehrerer Farbschichten in der Wilhelmshavener Werkstatt wurde auf der Buskarosserie die Beschriftung „Stadt Flöha“ sichtbar.

Ein weiterer Aufruf, diesmal in der Flöhaer Freien Presse, zog zahlreiche Reaktionen nach sich. Ihnen zufolge baute der Bus- und Taxiunternehmer Guido Fritzsche aus Flöha den postmodernen Omnibus zwischen 1936 und 1938 in Eigenregie. Das aufsehenerregende Gefährt war dann als Ausflugsbus in die Umgebung unterwegs. Einige wussten noch, dass der Motor sehr schwach auf der Brust war und dass ein Teil der Passagiere aussteigen musste, sobald es bergauf ging.

Auszug aus der Freien Presse Flöha vom 6. Februar 1992 | © Freie Presse / Foto: © SDTB

Auszug aus der Freien Presse Flöha vom 6. Februar 1992 | © Freie Presse / Foto: © SDTB

In diesem Zuge meldete sich auch Hans Schwietzke aus Flöha. Herr Schwietzke war von 1937 bis 1940 Lehrling bei Guido Fritzsche, der neben seinem Taxi-Unternehmen auch eine eigene KfZ-Werkstatt betrieb. Er wusste zu berichten, dass ein Lieferwagen des damaligen Kaufhauses Schocken Chemnitz während der Judenverfolgung in den Steinbruch am Oederaner Berg (Anm. d. Red.: heute die sog. Soldatengrabkurve an der B 173) geworfen worden war. Sein Lehrmeister Guido Fritzsche habe mit viel Mühe das Fahrgestell mit Motor und Achsen des völlig ausgebrannten Opel Blitz herausgezogen, die Stromlinienkarosserie darauf gebaut und den Motor ausgetauscht. Anschließend seien mit dem Omnibus Rundfahrten gemacht worden. Rundfahrten mit dem Stromlinienbus „Flöha“ sind derzeit leider nicht möglich. Doch Interessierte können ihn noch bis Ende Oktober 2018 im Straßenbahnmuseum bewundern:

Straßenbahnmuseum Chemnitz
Zwickauer Straße 164
09116 Chemnitz

Mai – September
samstags: 10:00 – 18:00 Uhr
donnerstags: 10:00 – 16:00 Uhr

 

Zurück

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .