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Kalenderblatt | Happy Birthday Erich Mendelsohn

Wir befinden uns mitten im Jubiläumsjahr 100 Jahre Bauhaus. Ausstellungen, Konzerte, Filme, Bücher und Diskussionsrunden kreisen um die Ideenschule vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die heute noch spür- und sichtbar ist. Als einer der Orte der Grand Tour der Moderne ist das ehemalige Kaufhaus Schocken, in dem sich seit 2014 das smac befindet, sichtbarer Zeuge der Architektur der Moderne. Vom zweiten Weltkrieg verschont und liebevoll für heutige Museumszwecke modernisiert, prägt unser Gebäude das Chemnitzer Stadtbild.

Modell des Kaufhaus Schocken, heute smac | © smac, Michael Jungblut

Der Architekt, Erich Mendelsohn, wäre heute 132 Jahre alt geworden. Wir widmen ihm eine gesamte Erkerausstellung in der 1. Etage des smac und zeigen neben Skizzen und Modellen seiner Bauwerke auch Zeugnisse seines persönlichen Lebensweges. Für dieses Kalenderblatt zu seinem Geburtstag soll ein besonderer Aspekt seiner Arbeit im Vordergrund stehen: die Inspiration.

Mendelsohn stammte aus einem musikalischen Elternhaus, spielte selbst Klavier und heiratete mit Luise (geb. Maas) eine studierte Cellistin. Konzerte unter Freunden im eigenen Haus (mit Bühne und Musiksalon) gehörten zu seinem Alltag. Er nannte ein Studiolo, also einen Raum, der ausschließlich der Beschäftigung mit Künsten vorbehalten ist, sein Eigen und pflegte beim Musikhören zu zeichnen. Auch bei öffentlichen Konzerten fertigte er Skizzen von Gebäuden an. Diese gedankliche Verschränkung von Raum, Form und Musik mag abstrakt erscheinen; wie klingt eine Form? Doch für Mendelsohn war die Musik eine so mächtige und ergiebige Inspirationsquelle, dass zahlreiche „Musikalische Skizzen“ überliefert sind. Sein Entwurf für den Umbau des Verlagshauses Mosse in Berlin geht auf die Bach’sche Matthäuspassion zurück; generell sind viele Bachstücke zur Inspirationsquelle für Mendelsohn geworden. Sein wohl berühmtestes Bauwerk, der Einsteinturm in Potsdam, entstand in Zusammenarbeit mit Erwin Finlay Freundlich, der wie Mendelsohns Frau Luise Cello spielte; für ihn transponierte sie Cello-Konzerte.

Modell des Einsteinturm in Potsdam | © smac, Michael Jungblut

Nicht weniger eindrucksvoll sind jene Bauwerke, zu denen ihn die Natur inspirierte. Das berühmte Färbereigebäude der Hutfabrik in Luckenwalde wurde maßgeblich von Dünen in der Kurischen Nerung inspiriert, die er während eines Familienurlaubs skizzierte.

Modell der Hutfabrik Friedrich Steinberg, Herrmann & Co in Luckenwalde | © smac, Michael Jungblut
Modell des umgebauten Mossehauses in Berlin | © smac, Michael Jungblut

Mendelsohns Skizzen und Ideen sind einerseits Flucht gewesen; viele entstanden an der Kriegsfront und wurden per Feldpost an Luise daheim geschickt, die sie für ihn bewahrte. Sie sind andererseits aber ein Zeichen seiner erstaunlichen Fähigkeit, im Moment zu sein und jeden sinnlichen Eindruck in eine architektonische Formsprache zu „übersetzen“. Er hat sich selbst viele – teils philosophische – Gedanken zu den Künsten und besonders zur Musik gemacht. Am 16.11.1910 schreibt er in einem längeren Brief an Luise:

“Alle, die vermöge einer besonderen Begabung – der mystische göttliche Funke – die Bilder ihrer Gedanken oder die mit ihren Augen von der Natur abgesehenen in frei gewordener, schwungvoller Technik zur Form bringen unter Beimengung seelischen Gehaltes, nennen wir allgemein Künstler. […]

Die Musik ist das absolute Kunstschaffen, da hier zu allen Zeiten allein und unwiderruflich gemessen wird nach der Gestaltungskraft der empfindenden Seele. […]

Der musikalische Gedanke ist traumerwachtes Ahnen von den geheimen Lenkermächten des Weltalls, durch den Besitzes, durch die fühlende Seele, dem gesteigerten, edlen Empfinden der Menschheit greifbar gemacht. Fühlt der Schaffende diese mittelnde Macht so tief: formstark, so gibt ihm der Schwung eines rythmischen Gefühls auch die harmonische Kraft, die wir in der Musik unter Technik, unter Ausbau und Instrumentation verstehen wollen. “

Quelle: Staatliche Museen zu Berlin: http://ema.smb.museum/de/briefe/?id=10

Diese Briefe zeigen: Mendelsohn hat seine Gebäude sicherlich mit anderen Augen gesehen, als wir es heute tun. Vielleicht ist es aber ab und an ganz heilsam, seinen Blick zu versuchen.

In diesem Zusammenhang und natürlich zu seinem Ehrentag empfehlen wir einen Besuch der Erkerausstellung. Schauen Sie sich die musikalischen Skizzen an, die wir zu Beginn der Ausstellung zeigen, und studieren Sie die Modelle seiner bedeutenden Bauwerke. Hören Sie dazu vielleicht etwas von Bach! Happy Birthday, Erich Mendelsohn.

Dieser Text basiert auf der Publikation von Dr. Regina Stephan (2010):
Inspirationsquelle Natur, Kunst und Musik – Erich Mendelsohns ungewöhnliche Wege zum Entwurf

Alle Modelle sind im Rahmen eines Architekturgeschichte-Projektes am Institut für Darstellen und Gestalten der Uni Stuttgart unter wissenschaftlicher Betreuung von Dr. Stephan entstanden. Leitung: Martin Hechinger. Sie sind zu sehen in der Erkerausstellung des smac und mit den Skizzen Mendelsohns publiziert in: Wolfram, Sabine[ Hrsg.] (2015): Archäologie eines Kaufhauses. Konzern, Bauherr, Architekt.

Modellbauer:

  • Einsteinturm | Andrea Boll, Angelika Engert
  • Hutfabrik | Patrik Braun, Anja Keller
  • Mossehaus | Wolfram Bohnenberger, Lorenz Reber
  • Kaufhaus Schocken Stuttgart | Caroline Straub, Björn Zimmermann
  • Kaufhaus Schocken Chemnitz | Steffen Müller, Christoph Walker
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