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Neuer “Bewohner” im smac

In einer unscheinbaren Box kommt er angerollt, wird vorsichtig über die Erhebungen des Leitsystems auf dem Boden des smac manövriert, bis hin zu seinem neuen vorübergehenden Zuhause. Es gibt einen Neuen im smac und die Freude darüber bei einigen Kollegen lässt schmunzeln; staunend wird er von allen Seiten beäugt. Dem ungeübten nichtarchäologischen Auge (meinem) ist nämlich der Wert dieses Gefäßes, datiert auf etwa 5100 v. Chr., gar nicht bewusst.

Der Kumpf ist einer von zwei mit mit Pech überzogenen und anschließend mit zurechtgeschnittener Rinde beklebten Gefäßen aus einem jungsteinzeitlichen Brunnen, der selbst eine kleine Sensation ist. Er wurde 2014 bei Grabungen im Tagebaugebiet Schleenhain bei Leipzig gefunden und aus Zeitgründen im umgebenden Sedimentblock von stattlichen 35 Tonnen Gewicht geborgen. Seit 2016 wird er nun im nahegelegenen Großstolpen in einer Halle zusammen mit einem anderen Brunnen aus dem Grabungsbereich millimeterweise freigelegt. Die Hölzer, aus denen der Brunnen gefertigt wurde, konnten dendrochronologisch* auf 5134 v. Chr. datiert werden, der Kumpf selbst ist also jünger.

Er wurde etwa einen Meter über der Sohle des Brunnens gefunden. Dort war er durch das Gewicht der Erde zerdrückt worden, als man den Brunnen zu einem späteren Zeitpunkt verfüllte, nachdem er keine Bedeutung mehr für die zugehörige Siedlung hatte. Der Kumpf ist eines von zehn Gefäßen, die vollständig, also nicht als Abfall in den Brunnen gelangten, weshalb die Archäologen von einer bewussten Deponierung ausgehen. Umso erstaunlicher, wenn man sich die aufwendige Verzierung anschaut, die übrigens eine bereits vorhandene geritzte Verzierung der Keramik verdeckt. Was für eine unglaubliche Fleißarbeit es gewesen sein muss, die winzigen Dreiecke aus Rindenbast mit einer kleinen Klinge, vermutlich aus Silex, in Form zu schneiden und anschließend auf die klebrige Birkenpechoberfläche zu befördern.

Warum er dennoch im Brunnen zurückgelassen wurde, lässt sich nur vermuten. Mit dem Kumpf wurde unter anderen auch ein mit Nahrung verfülltes Gefäß niedergelegt. “Das Marmeladengefäß”, sagt Dr. Harald Stäuble vom LfA, der die Grabung betreut. Am Boden befindet sich ein Sud aus wilden Brombeeren, vielleicht 100 bis 150 Stück, wahrscheinlich gekocht und zubereitet. Ein Hinweis auf eine kultisch-religiöse Handlung mag das sein. Weitere Erkenntnisse könnte der verbleibende Meter des Blocks bis zum Boden des Brunnens liefern; seine Untersuchung steht noch aus.

Bis zum Herbst steht der Kumpf nun erst einmal im smac und kann in der Dauerausstellung bestaunt werden. Dann wird er das smac wieder verlassen. Der Brunnen in Großstolpen im Übrigen, ist für die Besichtigung zugänglich, doch auch nur noch bis zum Tag des offenen Denkmals am 08.09.2019. Informationen gibt es hier: http://www.archaeologie.sachsen.de/5818.htm


*Exkurs: Dendrochronologie

Die Dendrochronologie (griech. dendron = Baum, chronos = Zeit, logos = Lehre) beruht darauf, dass Bäume während ihrer Lebenszeit klimatisch bedingte, unterschiedlich breite Jahrringe ausbilden. Diese Ringabfolgen sind im Stammquerschnitt als unverwechselbare Muster, ähnlich einem Fingerabdruck, zu erkennen. Vor allem Holzarten mit gut ausgeprägten Jahrringen wie das ringporige Laubholz Eiche sowie die Nadelhölzer Tanne und Kiefer sind für dendrochronologische Untersuchungen geeignet. Die Jahrringabfolgen werden vermessen und in Form von Kurven dargestellt. Die Überlappung von Ringmustern lebender Bäume mit jenen verbauter Hölzer aus beispielsweise Fachwerkhäusern ermöglicht die Verknüpfung der Proben unterschiedlichen Alters, wodurch sich regionale Chronologiekurven erstellen lassen. Diese dienen als Eichkurven, in die Jahrringfolgen noch nicht datierter Hölzer eingepasst werden
können. Um das Fälldatum eines Baumes genau zu bestimmen, muss die sogenannte Waldkante des ursprünglichen Stammes vorhanden sein, also der letzte ausgebildete Jahrring unter der Rinde. [Auszug aus unserem Katalog zur Dauerausstellung “In die Tiefe der Zeit”]

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