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5 Fragen an… Martin Peilstöcker

Martin Peilstöcker ist einer der Kuratoren der aktuellen Sonderausstellung LEBEN AM TOTEN MEER und war im letzten anderthalben Jahr ein Dauergast des Teams. Nicht selten stand er hebräisch (?) diskutierend mit seinem Handy in den Fluren des smac. Seine Expertise verdanken wir einem spannenden Lebenslauf, deswegen: 5 Fragen an Martin Peilstöcker!

Martin Peilstöcker auf einer Grabung in Jaffa | © privat

1.Ihr Lebenslauf liest sich wie ein jahrzehntelanger Spagat. Forschung in Deutschland auf der einen und Grabungen in Israel und Jordanien auf der anderen Seite. Sie haben an der Universität Tel Aviv geforscht und parallel als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der IAA („Israel Antiquities Authority“, israelische Antikenverwaltung und Hauptleihgeber der Sonderausstellung LEBEN AM TOTEN MEER) als Grabungsleiter und Berater fungiert. Inzwischen sind Sie Mitarbeiter des Bibelhaus Erlebnis Museums in Frankfurt. Liegt am Toten Meer Ihre zweite Heimat?
Weniger am Toten Meer, aber sicherlich in Tel Aviv, wo ich gewohnt habe und noch immer häufig bin. Eine Zeit von über 20 Jahren geht nicht spurlos an einem vorbei und noch immer habe ich dort viele Bekannte und Freunde und nicht zuletzt Familie.

2. An vielen verschiedenen Grabungen in Israel und Jordanien haben Sie selbst teilgenommen oder diese koordiniert, lange Zeit haben Sie außerdem in der Region um das Tote Meer gelebt, die als das „Heilige Land“ beschrieben wird. Wie gehen die Landsleute mit dem ausländischen Interesse an ihren Kulturschätzen um? Empfindet man die Funde dort überhaupt als so bedeutsam wie hier?
Es gibt einen großen Unterschied zwischen Israel und Jordanien. So stolz die Jordanier auch sind, wird ihr Leben oft von anderen Themen bestimmt als von dem des Erhalts des kulturellen Erbes. Jordanien hat, wie kaum ein Land der Region eine große Zahl von Flüchtlingen aus Syrien aufgenommen und das belastet Wirtschaft und Gesellschaft.
In Israel gehört das kulturelle Erbe zur gesellschaftlichen Identität. Regelmäßig wird von neuen archäologischen Entdeckungen in den Medien berichtet. Es ist ein reiches Land, das viel Geld in den Schutz, die Erforschung und die Präsentation der Monumente der Vergangenheit investiert. Außerdem gibt es die Tradition der europäischen und amerikanischen Forschungen der biblischen Archäologie und viele Grabungsprojekte werden von Europäern oder Amerikanern finanziell unterstützt.

3. Die spektakulären Funde in Höhlen bei Qumran liegen mittlerweile 70 Jahre zurück. Die allermeisten der Höhlen in diesem Gebiet sind jedoch noch gar nicht archäologisch untersucht worden. Glauben Sie noch an spektakuläre Funde, die auf ihre Entdeckung warten?
Es werden im Heiligen Land nach wie vor immer wieder unbekannte Fundstellen entdeckt: Siedlungen, Höhlen oder andere Orte. Da wird es auch in der Zukunft noch interessante Funde geben. Die Höhlen am Toten Meer lieferten besondere Funde wegen des einzigartigen Klimas der Region. Organisches Material wie Pergament oder Textilien haben sich wegen der trockenen Umgebung auf einzigartige Weise erhalten. Sollten weitere Höhlen gefunden werden, ist mit weiteren Funden dieser Art zu rechnen.

4. Sie haben evangelische Theologie und biblische Archäologie studiert. Wie haben die Funde in Qumran und rund um das Tote Meer die Sicht auf den jüdischen und christlichen Bibelkanon verändert? Welche Geschichten wurden vor den Funden anders oder gar nicht erzählt?
Zunächst einmal hat Qumran dazu geführt zu beweisen, dass es einen Kanon, d. h. eine festgelegte Ordnung, was in die Bibel gehört und was nicht zur Zeit Jesu noch gar nicht gab. In dieser Zeit, also der Zeit der Zeitenwende um das Jahr 0 tobte wohl eine heftige Diskussion darüber was Teil der Bibel, oder besser der hebräischen Bibel werden sollte. Gleichzeitig waren die Schriften fast im Wortlaut die, die wir heute in der Bibel lesen. Die Funde, also die Schriftrollen, besser gesagt die über 10.000 Fragmente der Schriftrollen verschweigen uns aber, wer sie geschrieben hat.

5. Ausgrabungen im Heiligen Land hatten und haben vielfach ein ambitioniertes Ziel: biblische Orte finden, biblische Geschichten „beweisen“. Ist so überhaupt eine neutrale Forschung möglich?
Gibt es neutrale Forschung? Tatsächlich sind nur etwa ein Drittel der in der Bibel genannten Orte lokalisiert. Bei vielen Orten streiten sich die Forscher, wo sie zu verorten seien. Aufgabe der biblischen Archäologie ist es nicht die Historizität der Bibel zu beweisen oder zu widerlegen. Sie kann nur das lebensweltliche Umfeld beschreiben, in den die Erzählungen der Bibel spielen, die vielfach erst Jahrhunderte später aufgeschrieben wurden. So sollte die Geschichten von der zur Salzsäule erstarrten Frau des Lot oder von Sodom und Gomorrah zum Beispiel sicher kein Ereignis beschreiben, sondern die unwirtliche Landschaft des Toten Meeres erklären: heiß, lebensfeindlich und versalzen.

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