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Jericho: Historische Wahrheit und biblische Geschichte

Eine Frage an den Experten – eine Antwort

In unserem letzten Beitrag zur Sonderausstellung “Leben am Toten Meer” erläutert Prof. Dr. Wolfgang Zwickel von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz wie viel historische Wahrheit in der Bibel steckt.

Professor Wolfgang Zwickel ist Professor für Altes Testament und Biblische Archäologie an der Universität Mainz. Er gehörte zum wissenschaftlichen Beirat der Sonderausstellung „Leben am Toten Meer“ und verfasste einen Beitrag über Kult & Religion für den Ausstellungskatalog. | © smac, Annelie Blasko

smac: Das Tote Meer wird im Alten und Neuen Testament mehrfach erwähnt. Dabei geht es vor allem um den hohen Salzgehalt, der jedes Leben im See verhindert, oder um Grenzbeschreibungen, die es beispielsweise als östliches Meer beschreiben. Daneben gibt es aber auch Passagen, die hervorragend das Wesen bzw. die Entstehung der Bibel aufzeigen. Könnten Sie uns ein Beispiel dafür geben?

WZ: Viele Menschen missverstehen in meinen Augen die Bibel. Die Bibel will und soll Wahrheit darstellen, aber es ist schon eine neutestamentliche Frage, die Pilatus stellt: „Was ist Wahrheit?“ (Johannes 18,38).

Es gibt keine absolute Wahrheit. Wenn jemand plötzlich schwer krank wird, können er und seine Umwelt es als wahr empfinden, dass es eine Strafe Gottes für sein Verhalten ist. Genauso wahr kann aber auch die Antwort sein, dass der Körper auf ein Virus mit der Krankheit reagiert hat. Beides ist wahr, je nachdem auf welcher Ebene man eine Antwort geben will.

Alttestamentliche Texte versuchen Wahrheit oft mit Erzählungen von Menschen zu vermitteln. Das ist wie bei einem guten Buch. Die story, die der Autor vermitteln will, kann erfunden sein, aber die Botschaft, die er vermitteln will, trifft den Nerv der Menschen. Momo von Michael Ende ist als historischer Bericht nicht wahr. Und doch ist die Botschaft wahr. Viele Menschen meiner Generation waren von der Lektüre des Buches beeindruckt und haben anschließend die Welt mit anderen Augen gesehen.

So ist es auch bei vielen biblischen Texten. Wir wissen heute, dass Jericho um 1200 nicht von Israeliten eingenommen worden sein kann, weil der Ort zu dieser Zeit gar nicht besiedelt war. Die in Josua 6 erzählte Geschichte wurde – auch das können wir heute gut zeigen – in ihrer Grundsubstanz nach 733 v.Chr. geschrieben, also 500 Jahre nach den berichteten Ereignissen. Die Erzählung der „friedlichen Eroberung“ wollte den Zeitgenossen damals klar machen, dass das verbliebene Land (Israel hat viele Gebiete, u.a. das Ostjordanland, an die Assyrer abgeben müssen) von Gott den Israeliten als ihr Land geschenkt wurde. In einer politischen Krisenzeit mit Verlusten des Landes soll mit diesem Text den damaligen Menschen zugesagt werden, dass das verbliebene Kernland ihnen erhalten bleibt und dass Gott die Garantie für den Landbesitz ist.

smac: Dann dürfte die Botschaft der Geschichte um Sodom & Gomorra die sein, dass Fehlverhalten von Gott bestraft wird. Unser Dank geht an Professor Zwickel für diese wunderbare Erläuterung und damit schließen wir unsere Blogreihe zu Leben am Toten Meer.

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