Sachsen? Können wir auch!

Gastbeitrag des LWL-Museums für Archäologie zum #ArchaeoSwap 2018

von Michael Lagers

Überprüfung von Funden aus Beckum, 7. Jahrhundert | ©LWL/S. Kuhn

Überprüfung von Funden aus Beckum, 7. Jahrhundert | ©LWL/S. Kuhn

Wenn sich die westfälische Archäologie mit Sachsen beschäftigt, ist der Blick weniger auf die östliche Elbregion als vielmehr in die Vergangenheit gerichtet. Der Blick fällt mehr als 1200 Jahre zurück – vorzugsweise auf eine Zeit, in der niemand Geringeres als Karl der Große seine Macht und seinen Einfluss geltend machte.

Seine Geschichtsschreiber waren es, die erstmals einen Zusammenhang zwischen Sachsen und Westfalen herstellten. Für das Jahr 776 berichten die Fränkischen Reichsannalen, König Karl habe eine Art Strafexpedition gegen die Sachsen (Saxones) geführt und sich im Zuge dessen von den Westfalen (Westfalaorum) Geiseln stellen lassen. Was war da los?

Spathae und Schildbuckel aus der Zeit der Sachsenkriege | ©LWL/M. Lagers

Spathae und Schildbuckel aus der Zeit der Sachsenkriege | ©LWL/M. Lagers

Die Westfalen erscheinen in den zeitgenössischen Schriftquellen als eine von drei sächsischen Gruppierungen, die seit 772 einen erbitterten Krieg gegen die Franken führten. Zusammen mit den Engern – heute noch ablesbar in der nördlich von Bielefeld gelegenen Widukindstadt Enger – und Ostfalen bildeten sie das Hauptaufgebot der Sachsen. Seit 772 standen sie im Dauerkonflikt mit dem karolingischen Herrscher. Vier Jahre später mussten sie sich vorläufig geschlagen geben. „Alle Sachsen“ (Saxones … omnes) – so berichten die Reichsannalen weiter – kamen an den Quellen der Lippe zusammen, unterwarfen sich und ihr Land dem ehrgeizigen König und ließen sich taufen. Doch von wo genau kamen die Sachsen? Und waren es wirklich alle Sachsen?

Sicher kamen die Sachsen weder aus der Lausitz noch aus dem Erzgebirge, und genauso sicher waren auch nicht alle Sachsen zu dem beschriebenen Ort bei Paderborn geeilt. Ohnehin ist nur schwer zu fassen, wer zur damaligen Zeit unter dem Begriff „Sachsen“ zu fassen war. Den Franken wird er wohl als Sammelbezeichnung für alle die gedient haben, die im Nordosten ihres Einflussbereiches lebten.

Als frühmittelalterliches Kerngebiet gilt gemeinhin der Raum zwischen Weser und Elbe, von wo aus sie laut einem Bericht des angelsächsischen Geschichtsschreibers Beda Venerabilis (672/673–735) zum Ende des 7. Jahrhunderts in das Gebiet zwischen Lippe und Ruhr vorstießen. In diese Zeit fiel auch die ursprüngliche Datierung des vor rund 60 Jahren entdeckten Fürsten von Beckum. Es handelt sich dabei um einen der beeindruckendsten mittelalterlichen Befunde, die Westfalen zu bieten hat. Wenngleich sich bei genauerer Betrachtung und Auswertung der außergewöhnlichen Funde recht bald herausstellte, dass das Grab wesentlich älter war, hielt und hält sich die Bezeichnung „Sachsenfürst“ hartnäckig bis in die Gegenwart.

„Unser Fürst“ lebte knapp 100 Jahre vor der sächsischen Einflussnahme, und zwar nachweislich im Raum Beckum, dem geografischen Mittelpunkt des heutigen Westfalen. Typisch fränkische Attribute wie sein Ringknaufschwert und sein gläserner Sturzbecher lassen ihn in erster Linie als merowingischen Gefolgsmann erscheinen – gar als Gegner der Sachsen?

Kommen wir zurück zu den Sachsen: Bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts reichte deren Einfluss bis an den Rand des Mittelgebirges und verzahnte sich dort mit den Interessen der karolingischen Machthaber. Gewaltige Befestigungsanlagen wie die Eresburg (Marsberg) und Hohensyburg (südl. v. Dortmund) zeichnen noch heute weithin sichtbar dieses Übergangsgebiet in Ost-West-Ausrichtung nach.

Bereits Pippin der Jüngere trug diverse Konflikte gegen die Sachsen mit Waffengewalt aus, doch erst sein Sohn, Karl der Große, sollte die entscheidenden Kriege führen. Die mehr als 30 Jahre währenden Auseinandersetzungen fanden als „Sachsenkriege“ ihren Weg in die Geschichtsbücher – und zu uns ins LWL-Museum für Archäologie. Hier sind die Kriege sowohl durch Waffenfunde als auch in Form einer akustisch beeindruckenden Rauminszenierung erfahrbar. So bekommen nicht nur Franken und Sachsen, sondern auch die Besucher was auf die Ohren.

Kubus „Sachsenkriege“ in der Dauerausstellung | ©LWL/M. Lagers

Kubus „Sachsenkriege“ in der Dauerausstellung | ©LWL/M. Lagers

Die Besucher bekommen bei uns im Museum aber nicht nur was auf die Ohren, sondern in erster Linie was vor die Augen. Rund 10.000 Exponate aus mehr als 200.000 Jahren Menschheitsgeschichte warten auf knapp 2000 qm darauf, entdeckt zu werden. Ich wünsche allen Besuchern viel Spaß dabei!